Rede André Brie
11. Mai 2003, auf dem Landesparteitag der
PDS Sachsen 3. Tagung
des 7. Landesparteitages in Weinböhla
Liebe Genossinnen und Genossen, ich bedanke
mich herzlich für diese Möglichkeit, hier zu sprechen.
Als ich vor sehr vielen Wochen eingeladen
wurde, auf dem Parteitag des stärksten PDS-Landesverbandes zu reden,
war ich darüber froh und dankbar. Ich sah eine Chance, meine Vorstellungen
über die Politik und den Wahlkampf der PDS 2004 darzulegen; ich sah
eine Möglichkeit und Verantwortung zur Motivierung und Mobili-sierung,
vielleicht sogar zur Orientierung aktiver Mitglieder unserer Partei für
strategi-sche politische Auseinandersetzung in Deutschland und Europa beizutragen.
Was jene, die mich damals hierher eingeladen
haben, erwarteten, weiß ich nicht. In-zwischen haben sich die Voraussetzungen
für mich, für diesen Parteitag und für die gesamte PDS noch
einmal wesentlich geändert. Vielleicht haben sich auch ihre Er-wartungen
an meine Rede geändert. Wie gesagt, ich weiß es nicht. Auf jeden
Fall wird sie völlig anders ausfallen als ich mir das vorgestellt
hatte. Das hat auch dazu geführt, dass ich sie erst heute morgen um
4.30 Uhr ausgedruckt habe, soweit ich fertig war. Nicht um mich anschließend
hinzusetzen, sondern um loszufahren von Mecklenburg nach Sachsen, noch
mal sehnsüchtig auf einen Apfelbaum geblickt in meinem Garten, der
verschwenderisch weiß blüht und dass man nicht mal einen Zweig,
ein Blatt sieht. Ich hatte mal wieder den Eindruck, dass es zumindest tausend
mal schöneres als Politik gibt. Ich hatte in den letzten zwei Tagen
sogar überlegt, ob ich meinen Auftritt hier nicht absage. Aber ich
habe keine Lust zu schweigen, zumin-dest bin ich nicht fähig, mich
mit einem so banalen, peinlichen, quälenden Ende der Partei des Demokratischen
Sozialismus abzufinden, wie es vielleicht droht. Es ist auch für mich
selten, in einem so wichtigen Gremium wie einem Landesparteitag 45 Minuten
reden zu dürfen; vielleicht und wahrscheinlich ist es auch das letzte
Mal. Die damalige stellvertretende Parteivorsitzende Petra Pau hat mir
vor einem Jahr schon über die Zeitungen mitteilen lassen, ich sei
ein „politischer Vorruheständler“. Das bringt mich dazu, die Möglichkeit,
die ich hier heute habe, konsequent zu nutzen.
Vor knapp zehn Wochen hatte ich bereits
einmal ganz hier in der Nähe eine solch schöne Gelegenheit. Die
Dresdner PDS hatte mir am 4. März das Forum einer „Dresdner Rede“
gegeben. Ich hatte geglaubt, sehr offen, manchmal provokativ ge-sprochen
zu haben. Diese Rede lag den Zuhörerinnen und Zuhörern sogar
gedruckt vor, aber die Reaktionen waren gleich Null. Hat nicht mal dazu
geführt, dass ich nicht mehr eingeladen wurde.
Eigentlich hätte ich mir viel Arbeit
sparen können und die Rede hier noch einmal le-sen können. Aber
dass sie damals keine Folgen hatte muss ich wohl in erster Linie bei mir
selbst suchen. Einzige Reaktion war ein Satz im Neuen Deutschland von eu-rem
sächsischen Korrespondenten, ich hätte mich zwischen alle Stühle
gesetzt, selbst das ist ein Missverständnis, denn ich hatte weder
vor, mich auf irgend einen Stuhl zu setzen, nicht einmal dazwischen mich
zu setzen, sondern ich wollte selbst aufstehen und dazu beitragen, dass
die PDS-Basis aufsteht.
Es ist trotz der Zuspitzungen in den letzten
zwei Wochen ist es gar nicht so einfach, immer wieder Neues zu erzählen,
schon gar nicht nach so kurzer Zeit und an so ähn-lichem Ort.
Damals habe ich einleitend festgestellt:
„Ich bin nicht bereit, von vornherein die Mög-lichkeit aus meinem
Nachdenken und meinen Einschätzungen auszuschließen, dass die
Partei des Demokratischen Sozialismus zwar ein gutes Jahrzehnt lang eine
ge-schichtliche Aufgabe erfolgreich gelöst hat – einen Beitrag zur
Integration der Ost-deutschen und der DDR-Elite zu leisten -, aber ihre
Mission nun erfüllt sei und ihre Geschichte zu Ende gehe. Selbst wenn
es im Deutschland des 21. Jahrhunderts ein gesellschaftspolitisches Erfordernis
für eine moderne kapitalismuskritische und so-zialistische Partei
und selbst wenn es für eine solche Partei einen zunehmendgroßen
politischen Platz jenseits der Sozialdemokratie und eine soziale und kulturelle
Basis gebe, wäre die PDS möglicherweise nicht fähig, diesen
Platz einzunehmen, weil sie von ihrer Vergangenheit gefesselt bliebe, weil
sie im soziokulturell immer noch ge-spaltenen Deutschland den Ostgeruch
nicht loswerde, weil Überalterung, Verlust an Mitgliedern, an intellektueller
und sozialer Kompetenz und Verankerung wesentlich schneller voranschritten
als Neugewinne erschlossen werden könnten“
Ich zitiere noch immer: „Ich bin nicht
bereit, die Krise der PDS und deren existentielle Tiefe zu ignorieren.
Erfolgreiche Politik, die wünsche ich euch hier in Sachsen, ver-lang
Selbstbewusstsein und Zuversicht, verlang Faszination und wenn man so will
Erotik eines politischen Projektes. Wenn die PDS und ihre Politik eine
Zukunft haben sollen, muss das vorhanden sein und hergestellt werden. Es
macht jedoch keinen Sinn, Krisen und Defizite zu leugnen, Niederlagen zu
beschönigen, um so eine posi-tive Außenwirkung propagieren zu
können. Ohnehin sind die Wählerinnen und Wäh-ler klüger
als es die PR-Manager der Parteien glauben.
Deshalb muss weiterhin ausgesprochen und
dem Nachdenken über die politische Strategie der PDS zugrunde gelegt
werden, dass sich die PDS erstens in einer exi-stentiellen Krise befindet.
Zweitens ist es erforderlich, konsequent anzuerkennen, dass diese Krise
zwar wesentlich der Wahlniederlage 2002 geschuldet ist, aber zu-gleich
vielfach tiefere und zum Teil strukturelle Ursachen als nur die falsche
und feh-lende politische Strategie zur Bundestagswahl am 22. September,
innerparteiliche Machtkämpfe, vor allem innerhalb der damaligen PDS-Führung
und ein offenkundig schlechter Wahlkampf hat. Drittens ist es, das möchte
ich eigentlich am 11. Mai noch viel mehr betonen, ein bedrohlicher Bestandteil
dieser Krise, dass sie nach einem kurzen Erschrecken und kurzzeitigen intensiven
Auseinandersetzungen offensichtlich bereits wieder geleugnet und bagatellisiert
wird. Die Politik und Arbeitsweise des neuen Parteivorstandes, habe ich
am 4. März gesagt (ich spreche hier nicht von ein-zelnen Mitgliedern,
sondern vom Parteivorstand als kollektiver Leitung der Partei) scheint
eher von einem Weiter so, von Resignation vor der Größe der
Aufgabe eines Neuanfangs oder davon gekennzeichnet zu sein, die PDS und
ihre Politik in die eine oder anderen Nische der Gesellschaft hineinzuschieben.
Jedenfalls ist kaum etwas von einer äußersten und konzentriertesten
geistigen, kulturellen, politischen und or-ganisatorischen Anstrengung
zu spüren, die PDS aus der Krise und insbesondere zurück in die
Gesellschaft, mitten unter Millionen Menschen zu führen. Wenn das
trotz der enormen Schwierigkeiten und der Größe der Herausforderungen
nicht in kürzester Zeit geändert wird, wird der Niedergang der
PDS unumkehrbar und end-gültig werden.“
Soweit das Zitat aus der nutz- und folgenlosen
Rede vom 4. März. Damals hatte ich versucht, Probleme, Defizite und
verbliebene Möglichkeiten der PDS sachlich und umfassend zu analysieren.
Wenn ich vom existenziellen Ausmaß der Krise und vom Versagen des
Parteivorstandes als kollektiver Führung der PDS sprach, war das für
mich keine rhetorische Zuspitzung, sondern ein beweisbarer Sachverhalt,
der trotz-dem nicht zu Mutlosigkeit und Resignation führen musste,
denn auch die Verant-wortung, die Notwendigkeit und die Möglichkeit
einer demokratischen sozialistischen Partei sah ich als geschichtlich an.
Genug davon. Ich verschone euch mit weiteren
Selbstzitaten.
Aber ich frage mich und uns zunächst
noch einmal sehr ausführlich, ob der Weg, den die meisten von uns
im Dezember 1989 aus der SED heraus begonnen hatten, im Frühjahr 2003
nicht zu Ende ist? Ich hatte meine Lebenslügen in der SED. Die tö-richtste
und folgenschwerste war jene, nur aus der SED heraus und mit der SED könne
man den Sozialismus und die DDR reformieren und retten. Das habe ich so
lange geglaubt und so lange praktiziert, bis alle Möglichkeiten zerstört
waren.
Mehr als dreizehn Jahre PDS-Mitgliedschaft
– das war kein lauwarmes Leben. Das waren gleichzeitiger schmerzlicher
Zusammenbruch und ein faszinierender Aufbruch, turbulente politische Veränderungen,
scheinbar unaufhaltsamer Abstieg der Partei 1990/91 und scheinbar unaufhaltsamer
Aufstieg 1992 bis 2001, einige Verzweiflun-gen, viele Hoffnungen, spannende
und deprimierende Auseinandersetzungen, Kri-sensitzungen, viele neue Erfahrungen
und Einsichten, tiefe und bleibende Freund-schaften, schlimme Verluste,
tolle Erfolge, Anerkennungen und Feindschaften, ein paar Mal war es Glück,
Glück nicht in einem inflationären Sinne, sondern als dieses
seltene und leider so kurze Gefühl, wo kein Gravitationsgesetz dich
auf dem Boden hält. Wer kann schon sagen, so etwas ausgerechnet in
der drögen Politik erlebt zu haben ?
Ich bin leidenschaftlicher Sozialist.
Ich bin nicht leidenschaftliches Parteimitglied. Trotz dieser dreizehn
Jahre und der emotionalen Bindungen, die im übrigen in erster Linie
Bindungen an Menschen sind, wird für mich die PDS niemals ein Selbstzweck
sein, wie es die SED, wie ich feststellen musste, gewesen ist. Ich bin
gern bereit, mich für eine Partei zu zerreißen, wie viele andere,
die wirkungsvolle sozialistische Politik macht, die fähig und bereit
ist, die sozialistische Idee zeitgemäß zu vertreten, zu erneuern,
den Menschen nahe zu bringen und selbst vorzuleben. Anders als in der SED
werde ich mich gegen eine Partei wehren, die nur für sich selbst das
ist, für Posten, Macht und Selbstliebe einiger Funktionäre, die
demokratischen Sozialismus blockiert oder nicht in der Lage und nicht bereit
ist, ihn so menschlich, so irdisch, so alltäglich, so attraktiv zu
vertreten, dass Millionen Menschen ihn als eine humanisti-sche und realistische
Aufgabe und Möglichkeit begreifen können.
Im vergangenen Jahr habe ich einen fünfundsiebzigjährigen
Genossen in meiner Parchimer Kreisorganisation kennen gelernt, der allein
im Bundestagswahlkampf eintausend Plakate geklebt, Hunderte Flugblätter
verteilt und auch noch mehr als 200 Euro Spenden gesammelt hatte für
die PDS. Ihn traf ich vergangene Woche wieder. Er weinte über den
Zustand der PDS. Ein fünfundsiebzigjähriger Mann weint angesichts
der bornierten Selbstzerstörung einer Partei! So weit haben wir es
ge-bracht. Meine Rationalität kann ihm nicht helfen, meine Gefühle
sind seinen ohnehin nahe. Aber ich muss ihm sagen: Du tust mehr als du
eigentlich kannst, du hängst dich mit selbstloser Überzeugung
und so herrlichem Engagement in alles rein, sam-melst sogar Geld, aber
du hast inzwischen den einen oder anderen Parteifunktionär, der sich
Wahlkampfveranstaltungen honorieren lassen will, Abgeordnete, die nicht
für deine Partei spenden, Vorstandsmitglieder, die an Professor Dieter
Klein den Auftrag geben, ein Reformpapier für sie und die Partei zu
schreiben und dann diesem wun-derbar warmherzigen und so unglaublich bescheidenen,
klugen Mann sagen, dass sie nicht einmal bereit sind, ihre eigene Auftragsarbeit
zu diskutieren. Wie viel Ver-achtung, Arroganz und wie viel Abgehobenheit
hat sich dreizehneinhalb Jahre nach dem Sturz von Honecker und Co. wieder
angesammelt!
Ich erinnere meinen fünfundsiebzigjährigen
Genossen daran, dass auf dem außeror-dentlichen Parteitag der SED
der Schriftsteller Benito Wogatzki meinte: „Ich möchte etwas sagen
über Wärme und Geborgenheit. Ich habe eine solche Atmosphäre
in der Partei lange vermisst. Euch geht es sicher auch so. Und als ich
heute Hans Mo-drow sprechen hörte und unseren Genossen Gysi, hatte
ich wieder das Gefühl, dass so etwas wie Wärme wieder einzieht.“
Wie nostalgisch könnte man werden.
Inzwischen gehört es ja zum guten Ton, die Gründergeneration
der PDS als abgewirtschaftet und hinderlich darzustellen, die ins-besondere
auch bei der Bewältigung der jetzigen Krise keine Rolle mehr zu spielen
haben. Soll ich Wogatzki noch einmal zu Wort kommen lassen? „Wir brauchen
eine Kultur des Umgangs, eine Kultur des Stils, eine Kultur des Lebens,
eine Kultur des Sprechens, eine Kultur der Gewaltlosigkeit im weitesten
Sinne. Das haben wir nicht geübt.“ Ja, das war 1989. Diese Kultur
hatten wir nicht geübt in der SED, und in der PDS haben wir alles
radikal geändert, das Parteistatut, die Programmatik, das Poli-tikverständnis,
die Parteistrukturen, die Geschichtsbilder, das Führungspersonal.
Aber nie haben wir begonnen diese Kultur zu üben, ja auch nur begriffen,
dass alle unsere Veränderungen, selbst die wirklich ehrlichen in unseren
Köpfen auf ideologi-schen und opportunistischen Sand gebaut bleiben
ohne eine solche Kultur und ihre tägliche Übung.
Das ist euch vielleicht zu abstrakt. Am
Freitag vor einer Woche habe ich an dem Treffen Gabi Zimmers mit den ostdeutschen
Landes- und Fraktionsvorsitzenden und einigen wenigen anderen Genossinnen
und Genossen teilgenommen. Man war sich nicht einig, ob man Gabis Wiederwahl
als Vorsitzende unterstützen würde, aber man beschwor eindringlich,
mit starken Worten und ohne jeden Widerspruch, die Einheit dieser Runde,
unter Gabis Leitung in den Kampf um einen Neuanfang gehen zu wollen. Am
nächsten Tag bereits konnte ich die ersten Angriffe aus dem Teilnehmer-kreis
auf Gabi nachlesen. Da diese Zeitungen natürlich am Freitag geschrieben
wor-den sind, müssen die Betreffenden noch mit den Beschwörungen
der Gemeinsam-keit auf den Lippen zu den Journalisten geeilt sein.
So, nun wird die eine, der andere vielleicht
sagen: ja, die da oben ! Die in Berlin! Ich erzähle euch und meinem
fünfundsiebzigjährigen Genossen die gleiche Geschichte mit anderen
Akteuren. Auf dem Geraer Parteitag ließ sich Uwe Hiksch als Bundes-geschäftsführer
wählen, der anders als sein Vorgänger nicht für eigene Ambitionen,
sondern für die Vorsitzende da sein wolle. Gegenüber dem Fernsehsender
Phoenix und der ersten, wie ich gehört habe, auch letzten gemeinsamen
Pressekonferenz mit Gabi Zimmer brachte er die Peinlichkeit fertig, sich
als „Diener“ der Vorsitzenden und Gabi „als gnädige Herrscherin“ zu
titulieren. Die Presse schrieb darüber genüsslich. Diese Geschichte
hat jedoch weiter Akteure, nämlich uns alle, die Basis der PDS. Gab
es denn auch nur einen einzigen, der dagegen aufgestanden wäre, der
diesen würdelosen Umgang mit Gabi Zimmer damals angeprangert hatte?
Ich lese gegenwärtig immer wieder
von Gabi Führungsschwäche. Gabi Zimmer hat mit mir manchen Streit
gehabt, ehrlicher gesagt, ich mit ihr, sehr hart gelegentlich, aber ich
denke immer offen und ehrlich. Ich habe ihr auch persönlich gesagt,
dass sie im Bundestagswahlkampf und in anderen Fällen die Pflicht
gehabt hätte, auf klare Entscheidungen zu drängen, die Führung
zu übernehmen. Das war wahrlich nicht ihre Stärke. Aber erstens
wäre auch der Stärkste an Situationen gescheitert, in de-nen
nach Außen devote Loyalität behauptet und nach Innen eitle Profilierungskämpfe
geführt werden. Zweitens frage ich, wo denn diese tollen Kritikerinnen
und Kritiker von Gabi Zimmer waren, als sie 2000 und 2003 mit großem
Engagement und Mut den Kampf um ein neues Parteiprogramm der PDS führte?
Sicherlich gab es einige allgemeine Zustimmung, aber konkrete, aktive und
energische Unterstützung, die unpopulär war, vor allem 2000,
fand sie nicht. Kurz nach der Neuwahl in Gera griff Petra Pau den Parteivorstand
in einer Zeitung dafür an, die Programmdebatte nicht vorangetrieben
zu haben. Ich gehöre wahrlich zu jenen, die die Arbeit des Parteivor-standes
kritisch sehen, aber warum ein gerade neugewähltes Gremium etwas gelei-stet
haben sollte, was unter der stellvertretenden Führung von Petra Pau
zwei Jahre versäumt und allein auf Gabis Schultern abgeladen worden
war, werde ich nicht ver-stehen.
Drittens möchte ich nachdrücklich
darauf verweisen, dass Gabis Scheitern mehr mit uns allen, mit Zustand
Versäumnissen, ungelösten und aufgeschobenen Problemen der Partei
zu tun hat, als mit ihr selbst. Dazu gehört im übrigen auch,
dass im alten und im neuen Vorstand jede persönliche Ambition und
ideologische Überzeugung wichtiger ist als die Politik und Perspektive
der PDS oder gar die Erkenntnis, dass es auf einem Schiff nicht drei, vier
oder sieben Kapitäne geben kann, schon gar nicht im schweren Wasser.
Und alles andere, sehr geehrter Genosse Dehm, sehr geehrter Genosse Hiksch,
sehr geehrte Genossin Pau, lieber Gregor, sage ich Gabi selbst, nicht den
Journalisten, auch nicht diesem Parteitag.
Vor zehn Wochen sprach ich in Dresden
von der existenziellen Krise der PDS. Wie soll ich den jetzigen Zustand
charakterisieren? Die äußersten und konzentriertesten geistigen,
kulturellen, politischen und organisatorischen Anstrengungen des Partei-vorstandes
als kollektives Gremium seien sofort erforderlich, um die PDS noch aus
der Krise und insbesondere zurück in die Gesellschaft, mitten unter
Millionen Men-schen führen zu können. Es ist derzeit so, als
hätte man einem Kranken auf der In-tensivstation auch noch die notwendigen
Medikamente verweigert, weil die behan-delnden Ärzte sich darüber
streiten, wer zuständig ist, wer die Medikamente verab-reichen und
wer sie zu seinen Gunsten abrechnen dürfe. Die Mehrheit der Ärzte
hat am 26. April allerdings ohnehin entschieden, dass der Patient keiner
Behandlung bedürfe und einer der Ärzte meinte in einer Presseerklärung
genannten Bulletin vor wenigen Tagen, dass der Kranke in Wirklichkeit simuliere
oder genesen und putz-munter über der Fünf-Prozent-Gesundheitshürde
gelangt sei.
So können wir noch ein paar Tage
mit uns umgehen, so können wir uns und der Öf-fentlichkeit in
die Tasche lügen, so können wir alles nur nicht Millionen Menschen
in dieser Gesellschaft deutlich machen, dass wir aus der Wahlniederlage
gelernt haben, und zwar das Entscheidende, nämlich sie und nicht allein
uns ernst nehmen.
Es gibt in der PDS-Führung ernste
Widersprüche, das ist nicht schlimm. Es gibt zer-störerische
Rivalitäten, unterschiedliche, ständige Bestrebungen, die Parteivorsitzen-de
zu instrumentalisieren. Mich empört es, aber es verwundert mich nicht
mehr, dass „Junge Welt“ Dieter Dehm, Uwe Hiksch und einige andere Gabi
Zimmer als Mario-nette hinstellen. Was für ein Menschenbild, was für
eine Missachtung, denn eins war Gabi Zimmer nun wirklich nie – fremdgeleitet.
Man mag zu den fronten im Vorstand unterschiedlicher Meinung sein, als
außenstehender auch vieles gar nicht verstehen, ein Problem ist einfach
objektivierbar. Ich glaube wirklich Fakt für Fakt beweisbar: Zur Abbruchagenda
des Kanzlers gibt es viele kluge Presseerklärungen, Artikel, Re-den
und Flugblätter jedes zweiten Vorstandsmitglieds, es gibt keine gemeinsame
politische Position des Vorstandes und vor allem keinen energischen Versuch,
mas-sen- und öffentlichkeitswirksame Politik zu organisieren. Das
ist meiner Meinung nach ein Grundproblem nicht erst seit einem halben Jahr.
Man kann Beschluss für Beschluss des Parteivorstandes durchgehen,
nicht in einem einzigen, lest es nach, gibt es das konkrete Ziel und das
entsprechende konkrete und praktische Konzept, Millionen Menschen erreichen
zu wollen. Gegen diese Selbstgenügsamkeit, so ver-stehe ich es jedenfalls,
musste Gabi Zimmer ankämpfen, wollte es schließlich auch. Anders
kann die PDS auch gar nicht in die gesellschaftspolitische Arena zurückkeh-ren.
Diese Aufgabe ist sehr, sehr kompliziert, da kann ich niemanden den Vorwurf
machen, aber sie nicht anzugehen, das ist ein riesiges Problem, sehr komplex;
die Ressourcen der PDS dafür sind inzwischen sehr begrenzt. Aber kleiner
geht es bei Strafe der politischen Sinn- und Bedeutungslosigkeit nicht.
Ich komme gleich darauf zurück.
Zunächst möchte ich jedoch vor
allem behaupten, dass der unglaubliche Unernst, mit dem die PDS sich selbst
und vor allem ihren Wählerinnen und Wählern gegenüber getreten
ist, nicht auf den Vorstand beschränkt ist. Auch jener, vorhin erwähnte
Kreis, auf den sich Gabi Zimmer stützen wollte, insbesondere die Gruppe
der ostdeutschen Landesvorsitzenden, hinterlässt meiner Meinung nach
im gegenwärtigen Krisenma-nagement nicht den Eindruck, dass es nur
einen einzigen Maßstab geben kann – die sofortige Stabilisierung
der PDS, die sofortige Wiederherstellung oder Herstellung kollektiver Führungsfähigkeit,
die Rückkehr der PDS in die Politik, in die Gesellschaft. Hertha BSC
hat gestern zu Hause gegen Bayern München immerhin 3 : 6 verloren.
Wir schießen uns unsere Tore allein selbst.
Jeden Tag servieren uns die Medien, meist
unter Berufung auf den einen oder ande-ren ostdeutschen Landes- oder Fraktionschef
eine weitere Kandidatin, einen weite-ren Kandidaten für den Vorsitz,
wird gleichzeitig eine andere Persönlichkeit zerredet. Ich komme inzwischen
auf mindestens zwölf potenzielle Bewerber, nein Beworbene muss man
wohl sagen. Aber das war der Stand am gestrigen Sonnabend. In den Montagszeitungen
werden uns sicherlich die nächsten Vorschläge kredenzt werden.
Wir hatten in vergangenen Wahlkämpfen
einen Zirkus, mit dem wir uns und die Poli-tik auch ein wenig auf den Arm
nehmen wollten. Aber derzeit, entschuldigt bitte, erin-nert die PDS wirklich
an Ambrose Bierces Zirkusdefinition: „Ein Zelt, wo Pferde, Po-nys und Elefanten
zusehen dürfen, wie Männer und Frauen sich albern benehmen.“
Ich gebe zu, jetzt gerade spielt auch
ein wenig persönliche Befremdung eine Rolle. Gabi Zimmer hatte vor
zwei Wochen knapp drei Genossen, darunter mich, gebeten, ein organisatorisch-politisches
Konzept für die Vorbereitung des Parteitages, das Krisenmanagement
und die nach meiner Überzeugung notwendige und mögliche positive
Wendung der Krise in einen Aufbruch der PDS zu entwerfen. Das alles liegt
in ersten Zügen vor, aber es liegt auch herum, denn wie ich gestern
um elf erfahren durfte, will man nicht, dass Heinz Vietze und Andre Brie
bei der Vorbereitung des Parteitages aktuell eine Rolle spielen. So wurde
es mir jedenfalls übermittelt. Ich sa-ge dazu zweierlei: Was ich angeboten
habe, war allein meine organisatorische Erfah-rung und meine Arbeitsfähigkeit
einzubringen. Ich habe keinerlei eigene Ambitionen. Kein Stefan Liebig,
kein Peter Ritter, keine Rosemarie Hein oder war immer muss Angst haben,
dass es mich in den Vorstand der PDS zurückzieht.
Peter Porsch und Stefan Liebig sage ich
zudem von dieser Stelle, dass ich als letzter aus der SED-PDS-Führung,
damals als Wahlkampfleiter , heute als Wahlkampfleiter, noch eine Rolle
in der gegenwärtigen PDS-Führung spiele, und selbstverständlich
mit der Neuwahl des Vorstandes auch meine Funktion zur Disposition stelle,
damit die unverbrauchten Genossinnen und Genossen, um zu zitieren, Platz
haben. Ich war von Gabi Zimmer gebeten worden, wieder Wahlkampfleiter zu
sein. So lange sie Vorsitzende ist, werde ich diese Arbeit ehrgeizig und
engagiert fortsetzen. Am 28. Juni wird es einen guten Vorbereitungsstand
bei der Wahlkampfvorbereitung für den neuen Vorstand und für
den neuen Wahlkampfleiter der PDS geben. Aber es gibt derzeit in der Parteitagsvorbereitung
ohnehin ein ganz anderes Problem als die Mit-wirkung des einen oder anderen,
schon gar meine Wirkung. Es besteht darin, dass der Parteivorstand und
die Bundesgeschäftsstelle an dieser Frage inhaltlich, politisch und
personell zerrissen sind, dass sicherlich Diether Dehm und Uwe Hiksch,
die Kommunistische Plattform, der Geraer Dialog eine professionelle und
zielstrebige Vorbereitung organisieren (was ich für völlig legitim
halte), während die ostdeutschen Landesvorsitzenden, die sich wohl
als eine Alternative zu dieser Linie sehen, bisher weder eine aktive Öffentlichkeitsarbeit
noch eine politische Vorbereitung organisie-ren. Und ich sage euch daher,
Conny, Peter, Rosemarie, Stefan, Dieter, Ralf: Mein Mitwirken, das ist
nicht mein Problem, ich bin zur Zeit heftig verliebt und brauche meine
Zeit dafür. Aber wenn ihr der Meinung seid, dass ihr die Gegenposition
zu Uwe Hiksch und Diether Dehm vertretet, und ich halte es für dringend
erforderlich, dann schafft bitte endlich Öffentlichkeit, Transparenz,
politische Standpunkte, Orga-nisation, Organisation und noch einmal Organisation,
denn ansonsten wäre es mir fast lieber, wenn der Parteitag von Hiksch
und Dehm in die Hand genommen würde. Die schaffen wenigstens Tag für
Tag Tatsachen. Und das ziemlich professionell!
Und das will ich auch offen und klar in
Anwesenheit, auch das sehe ich hier, vielen in dieser Frage Andersdenkenden
sagen: Es geht meiner Meinung nach gegenwärtig tatsächlich primär
um die politische Weichenstellung in der PDS. Hier bin ich eindeu-tig Partei.
Ich habe Gabi Zimmer unterstützt, weil nur sozialistische Realpolitik
das Aus der PDS verhindern kann, weil nur sozialistische Realpolitik überhaupt
der PDS einen politischen Sinn geben kann. So weit ich es beurteilen kann,
ging es Diether Dehm und Uwe Hiksch auch um die persönliche Zurückdrängung
von Gabi Zimmer. Uwe Hiksch hat ihr nach ihrer Abstimmungsniederlage am
26. April ausdrücklich ge-sagt, dass sie Mehrheiten im Parteivorstand
künftig nur bei Hiksch und Dehm finden werde. Aber ich glaube, es
geht noch um viel mehr, nämlich darum, ob auf der einen Seite die
PDS eine Partei ist, die sich ideologisch auf die Theorie des staatsmonopo-litischen
Kapitalismus aus den 60er Jahren stützt, politisch primär eine
Abwehrbewe-gung sein will, die ansonsten auf den erforderlichen Gesellschaftsbruch
und die so-zialistische Alternative jenseits des Bruchs verweist, kulturell
Protest und Verbalradi-kalität vertritt und bündnispolitisch
sich zumindest in den alten Bundesländern immer mehr auf die DKP orientiert.
Auf der anderen Seite steht das Projekt einer offenen und modernen sozialistischen
Linkspartei, wie sie im Programmentwurf beschrieben wurde – ideologisch
pluralistisch und offen, politisch ein eigenständiges sozialisti-sches
Projekt, das sich gesellschaftspolitisch als gestaltende Oppositionskraft
be-greift, die zu den geistigen und politischen Voraussetzungen für
eine gesellschaftli-che Linkswende beitragen will, kulturell sich jedem
Avantgarde-Denken verschließt und der Stärkung des Citoyen des
mündigen Bürgers, der Selbststimmung und Parti-zipation verschreibt,
bündnispolitisch die breitesten Voraussetzungen für einen grundlegenden
Richtungswechsel und die langfristige Schaffung einer Mitte-Links-Alternative
zum Neoliberalismus anstrebt.
Im übrigen ist das ganz und gar keine
Auseinandersetzung oder Entscheidung über einen linken oder einen
rechten Kurs der PDS, sondern nach meiner Überzeugung jedenfalls eine
Auseinandersetzung darüber, ob die PDS wirksame linke Politik ma-chen
will oder unwirksame linke Ideologie.
Damit hängt dann auch die Frage zusammen,
ob ein Parteivorstand es für erforder-lich hält, gemeinsame Reformpolitik
zu entwickeln, gemeinsame politische Positionen und vor allem reale, massenwirksame
Politik gegen die Agenda 2010 der Bundesre-gierung organisiert, oder ob
seine einzelnen Mitglieder sich damit begnügen, stolz auf die individuellen
Presseerklärungen und Artikel zu verweisen.
Damit eben hängt auch die Frage zusammen,
ob man professionelle Öffentlichkeits-arbeit und Politikorganisation
mit dem Anspruch gesellschaftlicher Wirkung anstrebt oder sich mit der
Inflation von PDS-Presseerklärungen auf den eigenen Homepages zufrieden
gibt. Damit eben hängt auch zusammen, ob unser Ziel die Zustimmung
und Kenntnis in den eigenen Reihen ist oder ob eine sozialistische Partei
nicht für Millio-nen Menschen außerhalb ihrer eigenen Reihen
da sein wollen muss.
Damit eben hängt auch zusammen, ob
mir meine Ideologie und mein Rechthaben wichtig sind oder die Menschen,
insbesondere die sozial benachteiligten, von denen ich so viel rede, nur
dass sie dummerweise ganz andere Interessen und Wünsche haben als
meine Ideologie ihnen zubilligt.
Damit hängt schließlich auch
zusammen, ob wir als einzelne und als Partei nicht nur von der Schönheit
des einen oder anderen Sozialismus schreiben und schwätzen, sondern
ihn auch ein wenig leben, indem wir nicht unsere Parteivorsitzende demon-tieren
und demütigen, und indem wir vor allen Dingen Menschen tausendmal
ernster nehmen als unsere Theorien, Ideologien, Posten und Papiere.
Worum es meiner Meinung nach allerdings
in der gegenwärtigen Auseinanderset-zung nicht geht, und das möchte
ich insbesondere Petra Pau entgegen halten, ist die Frage, dass die PDS
hinter die Beschlüsse von Gera zurück gehen müsse, die,
wie Petra Pau meinte, gescheitert sei. Was eindeutig gescheitert ist, jedenfalls
nach Mei-nung der Wählerinnen und Wähler und die haben da mehr
zu sagen als wir, ist der Kurs oder Nichtskurs, mit dem die PDS in den
Bundestagswahlkampf gegangen ist, nämlich sich negativ und positiv
primär über andere zu definieren, als Bestandteil der Verhinderung
von Stoiber oder als Bestandteil der Fortsetzung der rotgrünen Bun-desregierung.
Die wichtigste Entscheidung von Gera war eindeutig die Orientierung darauf,
die PDS strategisch primär als eigenständiges sozialistisches
Projekt und nicht im ständigen Blick auf die SPD, die Grünen
oder die CDU/CSU zu entwickeln. Das halte ich nach wie vor für richtig.
Das ist meiner Meinung nach die entscheiden-de strategische Aufgabe, aber
sie ist nicht realisiert, ganz und gar nicht. Auch in die-ser Hinsicht
wurde weder Strategie- und Politikfähigkeit organisiert. Dieser Kurs
konnte deshalb auch nicht scheitern. Er ist nicht einmal ernsthaft verfolgt
worden. Das ist das eigentliche Problem.
Liebe Genossinnen und Genossen,
also, ich hatte das Bild formuliert, die
PDS sei derzeit ein Kranker auf der Intensiv-station und ein Parteivorstand
hätten wir, der sich unterlassener Hilfeleistung schul-dig mache.
Dieses Bild möchte ich nun, damit ihr nicht so bedrückt hier
sitzt, in Frage stellen.
Erstens gibt es in der PDS immer noch
ein großes Potenzial kluger, erfahrener, un-geduldiger, auch unter
den jetzigen Bedingungen unermüdlich aktiver Genossinnen und Genossen.
An der Basis, in den Kommunen, in den Landesparlamenten, in Ver-einen,
Initiativen und Gewerkschaften.
Zweitens, und das ist das eigentliche
Problem, geht es eben nicht um die Überwin-dung unserer Krise, unserer
Defizite und Schwächen. Diese Überwindung ist für die Existenz
der PDS unerlässlich, sie duldet keinen weiteren Tag Aufschub, sie
ver-langt, das sage ich glaube ich jetzt zum dritten Mal, unsere gemeinsamen
und kon-zentriertesten, unsere intelligentesten, unsere organisatorischsten
Anstrengung. Aber worum es wirklich geht, ist etwas unendlich Wichtigeres,
etwas Faszinierendes, etwas ungeheuer Verantwortungsvolles; Es geht um
eine sozialistische Kraft in Deutschland, die wirksamen Widerstand leisten
kann gegen die Zerstörung des So-zialstaates, die wirkungsvoll zeit-
und zukunftsgemäße Alternativen in die geistigen und politischen
Auseinandersetzungen um eine Erneuerung der sozialen Siche-rungssysteme
einbringen kann, die fähig ist, die schon wieder eingetretene Erlah-mung
der Antikriegsbewegung aufzuhalten und die der strukturellen Hilflosigkeit
von SPD, CDU/CSU, Grünen und FDP bei der Gestaltung ostdeutscher Politik
selbstbe-wusst, fröhlich und kompetent entgegentreten kann.
So, und jetzt muss ich frei sprechen,
weiter war ich heut früh noch nicht gekommen.
Aber ich habe immerhin am Freitag Thesen
zu einer Wahlstrategie der PDS vorge-legt, die werden jetzt meine Grundlage
sein.
Ich glaube, dass diese Gesellschaft nach
einer sozialistischen Partei schreit. Dass man die meisten Probleme in
dieser Gesellschaft bei aller Achtung vor der Sozialde-mokratie und den
Grünen oder auch vor Konservativen und Liberalen eben nur noch lösen
kann, wenn man an die Grundfragen dieser Politik und dieser Gesellschaft
herangeht.
Ich glaube, dass es vielleicht sogar so
ist, dass Sozialismus zu Marx-Zeiten die Fra-ge einer besseren Gesellschaft
war. Aber heute ist ja die Frage des Überlebens von Gesellschaft und
von Zivilisation auf diesem Erdball. Und wir haben nicht mehr das Recht
und nicht mehr die Chance zu sagen, dass die Enkel es besser ausrichten
können. Wenn wir Sozialismus nicht heute anfangen, wird es ihn nicht
geben. Und zwar Sozialismus, also eine alltägliche Arbeit. Sozialismus
also Eingreifen in die heu-tigen Auseinandersetzungen, Sozialismus als
Aufgreifen der heutigen Erfahrungen, Interessen, Wünsche, Hoffnungen,
Sorgen auch der Freuden von Menschen.
Ich bin überzeugt davon, dass die
PDS einen Überschuss an visionärem, an Radika-lität entwickeln
muss, geistig-kulturell, nicht in Verbalradikalismus, eine Linkspartei
diesen Überschuss an lebendiger realistischer Vision dringend benötigt,
um ihn dann mit der Bereitschaft zu jeder Mühsal, zu jedem Realismus,
in die Kleinarbeit in den Kommunen unter zwängendsten Bedingungen,
in Kleinarbeit in Vereinen. In die Kleinarbeit auch unter den eigenen Freundinnen
und Freunden, von den man oft ge-nug, wenn man nicht nur Freunde in der
PDS hat, Ausländerfeindlichkeit, Rechtsex-tremismus, Schwulenfeindlichkeit
und einen unheimlichen biederen Kitsch zu hören bekommt. Auch dort
muss man fähig sein, diesen Sozialismus zu leben und zu ver-treten,
um mit seinen Nachbarn, Bekannten, Verwandten voranzukommen.
Ich denke insbesondere, dass es darum
geht, dass die PDS mit großer Kraftanstren-gung drei Fragen jetzt
powert, nämlich erstens, eine Alternative zur Agenda 2010, die für
mich höchstens eine Agenda 1910 ist. Es ist erbärmlich, was da
von Regierung und auch Opposition, auch von CDU/CSU und FDP als sogenannte
Reform verkauft wird.
Die Zeit hatte ich heute noch mal in Pseudonym-
und Fremdwörterbüchern zu guk-ken. In jedem was ich zu Hause
habe, wird als eine Übersetzung von Reform Ver-besserung angeboten.
Was passiert, sind keine Reformen der sozialen Sicherungs-systeme oder
gar der Gesellschaft. Was passiert ist keine Agenda 2010, was pas-siert
ist eine Unternehmeragenda, und zwar im engsten Sinne des Wortes, Punkt
für Punkt wird von Schröder abgearbeitet, was die Unternehmerverbände
in den letzten zehn Jahren aufgeschrieben haben. Es geht hier nicht um
Reformen. Es ist Abbau und es ist Sparen, sparen auf Kosten der Schwächsten
in dieser Gesellschaft der Benachteiligten.
Ich brauche nur in meinem Dorf zu bleiben,
aus dem ich heute früh abgefahren bin. Da ist Uwe, ein Unternehmer,
der vor zwei Jahren krachen gegangen ist, Bauunter-nehmer. Keinerlei Anspruch
auf irgendwelches Geld mit schwerbehindertem Kind und langzeitarbeitsloser
Frau, dem sie jetzt auch noch sein Haus wegnehmen wollen. Der ist nicht
mal förderungsfähig, wird nicht integriert in den Arbeitsmarkt.
Da ist Willi, der fährt jede Nacht zu montags 750 km nach Aachen,
mit zwei Transportern fahren die aus meiner Gegend dorthin, zur Asbestentsorgung,
zu einer primitiven, schlecht-bezahlten Arbeit. Die hatten ursprünglich
zwei türkische Kolleginnen aus dem Ruhr-gebiet, die hatten 60 km Anfahrt.
Die sind nicht mehr dabei. Woche für Woche fahren die aus meinem Dorf
dorthin und lassen sich vom Kanzler und von Herrn Hundt und von den Grünen
erzählen, dass man mehr Druck auf Arbeitslose ausüben müssen,
damit sie Arbeit annehmen.
Da ist Silke, meine Freundin, die fährt
jeden Tag 55 km, Schichtarbeit, auch bei schlechtestem Wetter. Karfreitag,
Sonnabend und Ostermontag hatte sie auch Schicht. Mal Frühschicht,
mal Spätschicht. Täglich wechselnd. Das Gehalt, Brutto 1026 Euro.
Diesen Menschen wird jetzt mit dem Krankengeld,
mit den anderen Vorschlägen weiter Geld genommen. Der Dieter Holz,
der Bürgermeister der PDS in Saßnitz er-zählt, dass seine
Stadt, als er sein Amt antrat 1995 ein Etat von 22 Mio. DM hatte. Damals
hatte Michael Schumacher ein Jahreseinkommen von 22 Mio. DM. Heute hat
Saßnitz umgerechnet in DM noch ein Etat von 19 Mio. DM, Schumacher
ein Jahres-einkommen von 72 Mio. DM.
Diese Reformen sind soziale Grausamkeiten.
Und mir reicht nicht, was da von der SPD-Linken und von den Gewerkschaften
kommt. Vielfach nur Abwehr. Ich möchte, dass nicht mit Mitgliederabstimmung
eine SPD-Mitglieder darüber entscheiden kön-nen. Ich möchte,
dass die PDS in diese Gesellschaft die Forderung nach einem Kon-vent der
Bürgerinnen und Bürger über diese Agenda vertritt und dass
die Bürgerin-nen und Bürger in Deutschland entscheiden sollen
über die Reformen des Sozial-staates und nicht einige abgehobene Politikerinnen
und Politiker, die offensichtlich nicht mehr wissen, wie Menschen in diesem
Lande leben. Und ich hoffe, dass wir nicht nur Widerstand leisten. Denn
das, was die Regierung macht, ist nicht nur, dass sie die falschen Symptome
benennt und damit auch zu einer falschen Therapie kommt. Das ist etwas,
was meiner Meinung nach wirtschaftliche, beschäftigungspoli-tische
Entwicklungen in diesem Land noch mehr zerstören wird.
Allein das, das ist ja wirklich sehr viel,
was bisher bei Hartz realisiert worden ist und was mit der Streichung der
paritätischen Finanzierung des Krankentagegeldes auf die Beschäftigten
zukommt, sind 13 – 15 Milliarden Euro Kaufkraftverlust. Das ist ein Prozent
der Nachfrage in Deutschland. Das macht noch mehr Arbeitsplätze kaputt.
Was wir brauchen auch als PDS ist ein umfassendes Konzept von Widerstand
und von wirklicher Reform, die in die Zukunft gerichtet ist, sozial gerecht,
mit Chancen auf beschäftigungspolitische und ökologische Entwicklung.
Ich glaube, dass unsere Ant-wort der Ruf nach einem gesellschaftlichen
Umbruch sein muss.
Zweitens. Wenn es so ist, dass schon wieder
die Luft raus ist aus der Antikriegsbe-wegung, dann kann die PDS sich nicht
mit symbolischen Aktionen begnügen. Dann muss diese Partei mit Zehntausenden
Mitgliedern, mit so viel geistigem Potential noch, mit soviel Freundinnen
und Freunden auch unter hochrangigen Intellektuellen ein Forum werden,
in dem gesellschaftlich über das Wesen und die Konsequenzen von Krieg,
von Rüstung, oder umgekehrt von Abrüstung und Frieden nachgedacht
wird, indem realistische und breiteste politische Alternativen entwickelt
werden. Es ist nicht unsere Aufgabe, gegenwärtig Münster aufzuheben,
so oder so nicht. Unsere Aufgabe, es gibt keine andere, ist die Verhinderung
des nächsten Krieges. Und das ist nur jetzt möglich. Wenn eines
aus dem Irakkrieg der USA und Großbritannien zu lernen war, durchaus
ja auch mit Erfolgen, dann eben wer den Krieg gegen Syrien, gegen Iran,
gegen Nordkorea verhindern will, der muss jetzt diskutieren, der muss aufklären,
der muss jetzt die Kräfte bündeln.
Und drittens muss diese Partei nach meiner
Überzeugung ihre große Verantwortung als ostdeutsche Partei
zurückgewinnen. Nicht jammern, die Ostdeutschen fühlen sich nicht
mehr primär diskriminiert, sie sind immer noch diskriminiert, das
weiß ich. Hier gibt es katastrophale soziale und wirtschaftliche
und kulturelle Entwicklungen. Aber die Ostdeutschen haben inzwischen auch
entdeckt und selbst die 18jährigen, wie man in empirischen Untersuchungen
nachlesen kann, dass sie auch in positiver Hin-sicht etwas zu bieten haben
und auch etwas anderes sind als Westdeutsche mit grö-ßerer sozialer
Nähe, mit einem größeren Gerechtigkeitsgefühl, mit
einer größeren Orientierung auf den Gedanken der Gleichheit,
der nicht anachronistisch ist, sondern der unaufgebbar der Zukunft gehört.
Und dieses positive Selbstgefühl der Ostdeut-schen, das ich, so glaube
ich, auch in der Bewerbung von Leipzig zur Olympiade und in Reaktionen
darauf niedergeschlagen hat, muss von uns aufgegriffen werden und Grundlage
sein, dass wir nicht das sechste oder zehnte ostdeutsche Konzept erfin-den.
Warum können wir denn nicht endlich das modernste Konzept für
Ostdeutsch-land ......
Um die Fragen, warum SPD, CDU, CSU und
FDP und Grüne so jämmerlich am Osten scheitern. Es ist doch nicht
der böse Wille, dass der Kohl hier keine blühenden Landschaften
zustande gebracht hat. Es ist doch nicht der böse Wille oder die Verlo-genheit,
dass Schröder aus dem Osten nie eine Chefsache machen konnte. Nun
ist es doch auch nicht einfach so, dass der Backhaus, mein SPD-Landeschef
in Meck-lenburg-Vorpommern mit seiner Idee vorgestern die Angleichung zwischen
Ost und West, bei den Löhnen müsse man erreichen, nicht indem
die Ostlöhne angehoben werden sollen, sondern die Westlöhne gesenkt
werden, völlig blöd geworden ist. Die-se peinliche Hilflosigkeit,
diese rührende Hilflosigkeit hat damit zu tun, dass diese Leute nicht
bereit und nicht fähig sind, an die Aktion ihrer eigenen Politik,
an den Neoliberalismus heranzugehen, an die europäische Politik. Es
wird in Ostdeutsch-land keine Beschäftigungspolitik, keine Wirtschaftspolitik,
keine Industriepolitik , keine dauerhafte Regionalpolitik geben, wenn in
diesem Land nur Standortwettbewerb ge-macht werden kann, wie es die Europäische
Kommission, dank der europäischen Region uns vorschreibt. Hier muss
wirklich an die Grundlagen von Politik in diesem Land herangegangen werden.
Das macht kein anderer als die PDS. Alles andere wird auch unehrlich. Der
Osten wird ein soziales Alimentierungsgebiet bleiben wenn nicht solche
Dinge verändert werden mit Ausnahmen einiger weniger Leuchttürme.
Ich komme zum Schluss:
Ich glaube, dass hier auch wirklich deutlich
wird, nicht nur eine Notwendigkeit der PDS, aber wie viel Platz für
diese Partei ist, wie viel Faszination von unserer Politik ausgehen könnte.
Ich glaube, wir brauchen dringend ein sofortiges Krisenmanage-ment. Aber
wir müssen nicht nur die Krise der PDS überwinden. Ich plädiere
ganz eindringlich dafür, dass dieses Krisenmanagement als Neuaufbruch
der PDS organi-siert und inszeniert wird. In diesem Jahr 2003 muss die
Botschaft sein, die PDS ist wieder da.
Zweitens. Wir brauchen sofort meiner Meinung
nach, auch in der jetzigen Krisensi-tuation, trotz einiger Lähmungen,
die Ingangsetzung bundespolitisch medienwirksa-mer Politik in den drei
eben genannten Richtungen.
Drittens. Der Programmparteitag hier in
Sachsen, in Chemnitz, muss ein Erfolg wer-den. Da muss eine Partei mit
Neugier, Freude und mit Lust auf Meinungsstreit und Entscheidungen und
mit einer spürbaren Unlust auf selbstverliebte ideologische Onanie
zeigen.
Viertens. Wir haben keine Zeit, die Wahlen
2004 vor uns herzuschieben. Ihre Vorbe-reitung beginnt jetzt. Aufbau der
Strukturen, aber vor allen Dingen unserer eigenen Motivation und unserer
eigenen Mobilisierung. Sollten die Wahlen 2004, als etwas vorbereiten und
den Wahlkampf als etwas durchführen, indem wir anders als die an-deren
Parteien und anders als wir uns 2002 gezeigt haben, im Dialog mit den Wähle-rinnen
und Wählern, als aufmerksam Lernende und nicht als Besserwissende
zeigen, indem wir den Bürgerinnen und Bürgern, den Menschen in
diesem Land ein Forum bieten, in dem wir keinen höheren Maßstab
haben werden als sie, als ihre Interes-sen, ihre Erfahrungen, Hoffnungen,
Forderungen, ihren Zorn, ihre Zuversicht. 2003, ich habe es gerade gesagt,
ist bisher das Jahr, wo viele sagen, und in den Medien unisono, die PDS
ist am Boden zerstört. Aber immerhin kann man sagen, es ist der Boden
der Tatsachen, auf dem wir sind. Es ist auch der Boden, auf dem die Men-schen
leben, von denen wir immer reden und für die wir angeblich immer da
sind. Ich denke, es ist der Boden, von dem man aufstehen kann und aufstehen
muss. Und wenn man schon aufsteht, dann auch gleich gegen die Agenda des
Kanzlers und für eine soziale und zivile Gesellschaft. Nicht in ferner
Zukunft, sondern jetzt. Danke
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