PDS-Landesvorstand
Sachsen-Anhalt
Entwurf
Leitantrag
an
die 2. Tagung des 8. Landesparteitages der PDS Sachsen-Anhalt
am
11. September 2004 in Leuna
Streitbar
für Veränderung!
I.
Die
gegenwärtig ablaufenden tiefen gesellschaftlichen Umbrüche
in unserem Land sind auch für die PDS eine große
Herausforderung und verlangen neue Antworten. In dieser
Situation sind auch die politischen, kulturellen und strukturellen
Defizite unserer Partei deutlicher sichtbar geworden als
das in der Phase des ständigen Aufschwungs mit den
Wahlerfolgen bis zum Einzug in den Bundestag in Fraktions-stärke
1998 der Fall war. Zum einen war die PDS von Anfang an sehr
stark die Vertreterin für Ostinteressen, welches als
notwendiger Bestandteil ihrer politischen Tätigkeit
gerade in den Anfangsjahren nach dem Einigungsvertrag zu
Wahlerfolgen verhalf. Andererseits sind dadurch gesamtdeutsche
Interessen und Politikansätze vernachlässigt worden,
welches auch ein Hemmnis für die Ausdehnung der PDS
in die alten Bundesländer bis heute darstellt. Spätestens
die verlorene Bundestagswahl 2002 sollte uns vor Augen geführt
haben, wohin geistige Stagnation führt.
Die
Wahlen 2004 waren in unserem Land für uns ein Erfolg,
der aber auch aus der Niederlage der politischen Konkurrenten
resultierte. Das wird sich im Jahr 2006 so nicht wiederholen,
wenn wir nicht den Schwung zu einem Durchbruch bei der politischen
und strukturellen Neuformierung unserer Partei nutzen. Mut
zur Veränderung braucht auch Mut zur Selbstveränderung.
Parteireform
– schon im Ansatz gescheitert?
Der
Prozess der notwendigen Selbstveränderung wurde auf
dem Geraer Parteitag mit dem Begriff Parteireform umschrieben
und für die Bundespartei angestoßen. Mit den
Beschlüssen des 6. Landesparteitages im September 2000
und des 8. Landes-parteitages 2003 haben wir einen Weg für
diesen Prozess bestimmt. Gegangen sind wir ihn im Schlenderschritt.
Debatten um politische Profilierung werden zu oft zu ideologischen
Schlachten oder zur Steinigung Andersdenkender genutzt.
Nach wie vor steigen wir aus gesellschaftlichen Diskursen
aus, wenn sie außerhalb unserer aktuellen Raster stattfinden.
Nach wie vor verdrängen Tagesaufgaben den Blick auf
Zukunftsprojekte. Die notwendigen strukturellenVeränderungen erfolgen gelähmt durch
unendliche Debatten nur sehr zähflüssig und auch
dann oft nur unter äußerem Druck.
Eine
Partei lebt in erster Linie durch ihre Mitglieder. Der beschleunigte
Mitglieder-rückgang hauptsächlich durch die Altersstruktur
(35 % über 70 Jahre), die nicht repräsentative
soziale Zusammensetzung (8 % Arbeiter, 18 % Angestellte,
5 % Selbständige, 6 % Arbeitslose und 60 % Rentner)
und die stagnierende Entwicklung zur gesamtdeutschen Partei
wirken sich ungünstig auf die Entwicklung zu einer
modernen sozialistischen Partei aus. Ein großer Teil
der Mitgliedschaft wird nicht mehr direkt mit dem gesamten
Spektrum brennender gesellschaftlicher Probleme konfrontiert.
Damit fehlt uns als Partei oft nicht nur eine repräsentative
gesellschaft-liche Sicht, sondern es fehlen auch neue Erfahrungen,
Zugänge und Ideen für zu lösende Aufgaben.
Das führt dazu, dass nur ein geringer Teil der Mitgliedschaft
sich in die gesamte Breite der politischen Arbeit einbringt.
Kommunikationsbeziehungen
sowie die „Streitkultur“ haben wir in Angriff genommen,
aber auch hier nur punktuell Durchbrüche erzielt. Das
wird besonders dann sichtbar, wenn in der Partei nicht ausdiskutierte
Themen wie beispielsweise
Flächentarif, Biotechnologie, Ladenschluss zu gesellschaftlichen
Reizthemen werden, zu denen wir uns als Partei und als Fraktion
positionieren müssen.
Das
kann es nicht gewesen sein. Wir müssen den begonnenen
Weg konsequenter und mit einem deutlich höheren Tempo
fortsetzen. Dazu ist es notwendig, unsere politischen Konzepte zu aktualisieren und an gesellschaftlicher
Relevanz und Realisierbarkeit zu messen. Das heißt
nicht, Protest und Widerstand aufzugeben. Gesellschaftliche
Akzeptanz heißt aber eben auch, Gestaltungswillen
und Gestal-tungsfähigkeit nachzuweisen. Wenn wir das Wechselverhältnis
von Opposition und Gestaltung als Gewinn begreifen, werden wir auch
Partner für die Umsetzung des gestalterischen Anspruchs
finden. In Vorbereitung auf die Landtagswahl und die Bundestagswahl
2006 wird der Landesvorstand beauftragt, in Abstimmung mit
der Landtagsfraktion strategische politische Orientierungen
für die unterschiedlichen Optionen zu erarbeiten und
im Landesverband zu diskutieren.
Wir
brauchen neue Akzeptanz und neue Mitglieder. Ohne
die bisherigen Projekte aufzugeben ist es dafür notwendig,
eine breitere Gruppe von Bürgerinnen und Bürgernüber unser bisheriges Spektrum hinaus anzusprechen,
die gesellschaftliche Veränderungen wollen, nicht nur
in den alten Bundesländern. Dazu bedarf es neben den
Konzepten auch neuer Formen des öffentlichen Wirkens.
Dazu gehört ein einheitliches Erscheinungsbild
- nicht nur zu Wahlen - ebenso wie die Entwick-lung neuer
Formen der Einbeziehung von Mitgliedern und Sympathisantinnen
und Sympathisanten in Diskussions- und Entscheidungsprozesse.
Der Landesvorstand wird beauftragt, im Rahmen der Diskussion
des Leitbildes zur Parteireform seine bisherigen Beschlüsse
und Konzeptionen zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
Der Landesarbeitsauschuss Parteireform muss in diesem Prozess
Impulse setzen und ihn kritisch begleiten. Gleiches ist
auf allen anderen Ebenen der Partei notwendig.
Wir
brauchen aktions- und handlungsfähige Strukturen.
Der zögerlich begonnene Weg der Regionalisierung muss
konsequenter und mit größerem Tempo fortgesetzt
werden. Dazu bedarf es neuer Ideen genauso wie der ständigen
Evaluation des Erreichten.Das vorliegende Leitbild zur Parteireform muss
im Landesverband gründlich diskutiert und umgesetzt
werden. Der Landesvorstand und der Landes-arbeitsauschuss
Parteireform legen der 1. Tagung des 9. Landesparteitages
dazu eine Analyse und eine Aufgabenstellung für die
Vorbereitung der Wahlkämpfe 2006 vor.
In
der Zeit der Erfolge haben wir es verpasst, diese für
ein Vorantreiben strategischer Debatten zu nutzen. Das hat
in Verbindung mit unseren durchaus historisch bedingten
Vorstellungen von der Rolle des Staates dazu geführt,
dass unsere Handlungsoptionen in der Regel auf Regelungsfunktionen
des Staates abzielten und weniger auf kreatives Umsteuern
setzten. Mit der Agenda Sozial ist uns hier ein Umbruch
gelungen, den es auszubauen und auf andere Politikfelder
fortzuschreiben gilt. Dabei haben wir gesellschaftliche
Debatten aufzugreifen und produktiv zu verarbeiten und nicht
der Gesellschaftunsere zu erklären. Das hat uns die SPD
nicht zuletzt bei ihrem Erfolg bei der Bundestagswahl 2002
vorgeführt. Mit neuen Diskussionsangeboten und Vorschlägen
wollen wir zeigen, dass es Alternativen zum neoliberalen
Kurs von Rot-Grün gibt und Partner gewinnen, die sich
in Protest und Gestaltung diesem widersetzen wollen.
Gleichzeitig
haben wir die Pflicht, unsere Entscheidungsprozesse mehr
zu kommu-nizieren, zu diskutieren, aber auch getroffene
Entscheidungen gemeinsam zu verteidigen.
II.
Gerade
als PDS sind wir ständig gefordert, unsere tagtäglichen
politischen Ent-scheidungen, egal ob in Bund, Land oder
Kommune, mit einer ganzheitlichen Entwicklungsstrategie
für unser Land in Verbindung zu bringen.
Die
öffentlichen Diskussionen über den fehlgeschlagenen
Aufbau Ost und die nach wie vor stagnierende Entwicklung
Sachsen-Anhalts, die fortschreitende kulturelle und soziale
Spaltung unseres Landes und die damit verbundene Entfremdung
von Politik einerseits und Bürgerinnen und Bürgern
andererseits stellen die PDS vor neue Herausforderungen.
Wir
sind aufgerufen, eine eigenständige und selbsttragende
Perspektive für Sachsen-Anhalt zu formulieren, die
die Zielfunktion politischer Entscheidungen neu definiert,
unser Verständnis über Aufgabe und Rolle des Staates
kenntlich macht und gewährleistet, dass die Menschen
in Sachsen-Anhalt stärker als bisher selbst zum Träger
dieser Entwicklung werden können.
Mit
den folgenden Denkansätzen ist die PDS in Sachsen-Anhalt
gewillt, diesen Prozess für Sachsen-Anhalt insgesamt
und unsere Partei voranzutreiben:
1.
Bildung, Wissenschaft und Innovation sind Zukunftsanker
„Setze den Menschen
als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein mensch-liches
voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen,
Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen
willst, musst ein künstlerisch gebildeter Mensch sein;
wenn du Einfluss auf andere Menschen ausüben willst,
musst du ein wirklich anregend und fördernd auf andere
Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse
zum Menschen – und zu der Natur – muss eine bestimmte, dem
Gegenstand deines Willens entsprechende Äußerung
deines wirklichen individuellen Lebens sein.“
Karl
Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem
Jahre 1844. Aus: MEW, Bd. 40, S. 563-567.
Soziale Perspektiven
bestimmen sich für die Mehrzahl der Bundesbürgerinnen
und Bürger immer noch aus Einkommens- und Beschäftigungsverhältnissen.
Eine - wenngleich wachsende - Minderheit verfügt über
Beschäftigung, aber nicht mehr über existenzsichernde
Einkommen. Dieser Niedriglohnsektor ist in allen Wirtschafts-bereichen
anzutreffen, tendenziell aber seltener auf Feldern, die
prägend für die Herausbildung der Wissensgesellschaft
sind. Innovationsfähigkeit und Innovations-kraft bestimmen
in Zukunft im engeren Sinne maßgeblich über die
Zukunft ganzer Volkswirtschaften und im weiteren Sinne über
die Perspektiven der Gesellschaft selbst.
Wissen ist damit
nicht nur zur bestimmenden Ressource in der Wirtschaft geworden,
sondern Wissen ist wichtigste Voraussetzung für verbesserte
soziale Perspektiven.
Die
Produktivkraftentwicklung hat diese Gesellschaft in eine
wissensbasierte Ökonomie geführt. Wissensbasierte
Ökonomie allein ist kein gesellschaftsunter-scheidendes
Merkmal, wohl aber die inhaltliche Bestimmung der Zielfunktion
von Bildung und Innovation aus gesamtgesellschaftlicher
Sicht und die Ausgestaltung der Aneignung. Hier ist weiterführend
eine linke Vorstellung von gesellschaftlicher Zukunft gefragt.
Das schließt auch ein neues Verständnis von Arbeit
und zur Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums ein.
Ein Abbau der Massenarbeitslosig-keit durch Schaffung neuer
Beschäftigungsverhältnisse im produzierenden Bereich
wird auch mit Hartz IV scheitern. Statt des von Politik
und Wirtschaft gepredigten Weges der Erhöhung der Arbeitszeit
und des Abbaus der Realeinkommen werden neue Arbeitsplätze
nur dann entstehen, wenn Arbeit geteilt wird und neue Felder,
vor allem im sozialen, kulturellen und ökologischen
Bereich erschlossen werden. Die Umverteilung des im produzierenden
Bereich geschaffenen Reichtums in das gesamte Spektrum zu
leistender gesellschaftlicher Aufgaben ist ein wichtiger
Indikator für Zukunftsfähigkeit.
Wir
gehendavon aus, dass mit einer wachsenden Zahl
innovativer Unternehmen, langfristig eine relativ stabile
Basis für qualitative Wachstumsfaktoren und
Beschäftigungsperspektiven im Technologiesektor
entsteht. Qualifizierte Menschenverfügen
in den neuen Ländern vergleichsweise zwar immer noch
über niedrigere Einkommen, sind aber selbst Träger
einer Entwicklung, die im innovativen Bereich liegt und
ein Gegengewicht zum bisherigen Niedriglohnsektor im Osten
aufbauen kann. Die Beschäftigungsverhältnisse
der „verlängerten Werkbank“ zeichnen sich durch einseitige
Abhängigkeiten und wachsende Abwanderung in die neuen
EU-Länder bzw. EU-Anrainerstaaten aus. Die Entwicklung
innovativer Regionen, mit Wertschöpfung innovativer
Unternehmen, mit Beschäftigungs-perspektiven, mit stabilen
Steuereinnahmen und Beiträgen in die sozialen Sicherungssysteme
sind das langfristige Ziel. Das verlangt ein Umdenken
in der Förderpolitik auf allen Ebenen hin zu einer
Konzentration auf die Förderung eines Strukturwandels
der Wirtschaft zu einer stärkeren wissensbasierten
Produktion mit sinkendem Ressourcenverbrauch und hoher
Wertschöpfung. Als Schwerpunkte für Sachsen-Anhalt
sehen wir die höhere Veredlung chemischer Grundprodukte,
die Erhöhung der Effektivität erneuerbarer Energien,
die Biotech-nologie und hoch spezialisierte anwendungsbezogene
Systemlösungen im Maschinen- und Anlagenbau.
Wir müssen
diese Herausforderung aktiv annehmen und dazu
eigenständige Konzepte anbieten. Es geht dabei
um einen ganzheitlichen Ansatz, der langfristig die
Reproduktion geistigen Potenzials auf eigener Basis und
aus eigener Kraft zum Ziel hat. Das Resultat dieser Entwicklung
mündet jedoch in der Privatwirtschaft. Das steht nicht
in einem Widerspruch zum programmatischen Anspruch der PDS,
denn es führt zur Schaffung sozialer Perspektiven
unter den gegebenen gesellschaft-lichen Verhältnissen.
Wenn sich Voraussetzungen entwickeln, welche die wachsende
soziale Ausgrenzung und Abwanderung verhindern helfen, dann
müssen wir offensiv und öffentlich mit Vorschlägen
anderer und unseren umgehen. Das verlangt von uns, endlich
Vorsorge statt Nachsorge in den Mittelpunkt unseres politischen
Agierens zu stellen.
Unter den gegenwärtigen
finanziellen Rahmenbedingungen müssen wir auch in der
Lage sein, Prioritäten zu setzen, die sich über
alle Ebenen des politischen Wirkens von PDS-Politikerinnen
und -Politikern halten lassen. Bildungsinvestitionen
durch den gezielten Einsatz öffentlicher Mittel,
angefangen von der Kindertagesstätte über Hochschulen
und Forschungseinrichtungen bis zu innovativen Unternehmen,
dienen langfristig der Öffnung innovativer Entwicklungsräume.
Eine solche Priorität ist ein Signal an diejenigen,
insbesondere jungen Leute,die
qualifiziert und tatendurstig auch für sich etwas aufbauen
wollen, hier in Sachsen-Anhalt aber das Gefühl der
Perspektivlosigkeit haben.
Wir
brauchen eine weit gefasste Vorstellung von Bildungs-
und Innovations-politik. Dazu ist es notwendig, Innovations-
und Bildungsräume zu definieren. Nicht nur, aber auch
angesichts knapper Kassen ist zu erwarten, dass auch innerhalb
dieser Innovationsräume eine Prioritätensetzung
notwendig wird. Die Investition inKindertagesstätten
und Elementarbildung hat aufgrund der Bedeutung der ersten
Lebensjahre für die Erschließung späterer
Bildungspotenziale von Kindern und Jugendlichen eine genauso
hohe Priorität wie die Schnittstelle von Wissenschaft
und Wirtschaft, um Innovationen in Wertschöpfung und
damit in den produktiven Bereich samt Arbeitsplätzen
zu bringen.
Bildung
steht originär immer in einer funktionalen Beziehung
zur Gestaltung gesell-schaftlicher Umstände. Wir betrachten
daher Bildung nicht nur als zivilisatorisches Ziel, sondern
nehmen den funktionellen bzw. instrumentellen Charakter
von Bildung an. Auch deshalb müssen wirverständliche
und praktikable Vorschläge gegen zunehmende Einschränkung
des Zuganges zu und der Teilhabe an Bildung entwickeln
und uns nicht mit Abwehrargumentationen zufrieden geben.
Diese laufen letztlich ohnehin meist darauf hinaus, das
Bestehende zu erhalten, obwohl auch dieses vielfach und
zu Recht von uns kritisiert wird. Eine hohe Bildungsbeteiligung
bleibt Ziel der PDS als Grundlage für eine erfolgreiche
Entwicklung des Landes.
Die
Entwicklung der Hochschul- und Forschungslandschaft
im Osten gehört zu den Prioritäten unsererHandlungskonzepte, muss aber auch kritischer
Betrachtung hinsichtlich perspektivischer Leistungsfähigkeit
für das Land unterzogen werden. Wir sollten offensiv
die Forderung nach einer wissenschaftskritischen Wissen-schaft
an den Hochschulen stellen, trotz des zu erwartenden Vorwurfes,
dass damit Eingriffe in die Autonomie bzw. Selbstverwaltung
der Hochschulen erfolgen würde. ÖffentlicheFörderung
müssen wir in dem Kontext mit einem Anspruch auf Leistung
sehen.
Wir
müssen uns der Debatte um Eliten und Leuchttürme
stellen. Eine Diskussion, ob der Osten elitäre
Bereiche braucht oder der Schwerpunkt auf der Förderung
von Netzwerken und Clustern liegen sollte, darf sich nicht
auf ein entweder oder beschränken. Innovationsstandorte,
die national oder gar international wahrnehmbar bleiben
oder werden sollen, brauchen ohnehin Alleinstellungsmerkmale.
Bezogen auf die geistigen Träger heißt das
für uns Fördern statt Auslesen! Bildungs-
und Wissenschaftspolitik erweist sich aus dieser Perspektive
als zentraler Ansatzpunkt einer Integrationsleistung, die
diese wie jede andere Gesellschaft zu erbringen hat, um
Zukunftsfähigkeit und Chancenwahrnehmung zu entwickeln.
Bezogen auf Denkansätze von Politik und Wirtschaft
heißt das zwischen den lokalen und regionalen Interessen
von Politik einerseits und den überregionalen und globalen
Interessen der Unternehmen andererseits größere
Schnittmengen zu vereinbaren.
Stellen wir uns
der Produktivkraftentwicklung, müssen wir auch neue
Technologien wie Innovationen überhaupt einer
inhaltlichen Bewertung unterziehen. Es muss erschlossen
und kommuniziert werden, was sich inhaltlich hinter den
neuen Entwick-lungen, Produkten, Methoden, Technologien
und Verfahren verbirgt.
Die aus der Umsetzung
resultierenden Konsequenzen müssen ausgelotet und
bewertet werden. Risikoerkundung gehört zu den Kernaufgaben
traditioneller und neu entstandener Wissenschaftsdisziplinen
und ihrer Erkenntnisse. Sie darf nicht allein nachgelagert,
nachsorgend betrieben werden.
Wir müssen
uns mit Bedingungen und Folgen einer kommerziellen Verwertung
auseinandersetzen. Kommerzielle Verwertbarkeit allein ist
kein hinreichender Grund der Ablehnung.
Wir werden Prioritäten
bei der Bewertung sowie bei der Abwägung von Chancen
und Risiken setzen müssen, wenn es um die Frage
der Anwendung von Innovation geht. Was für eine ablehnende
Haltung ausschlaggebend ist, muss auch nachvoll-ziehbar
sein. Dabei ist die Frage zu klären, ob die monopolistische
Aneignung des Ertrages allein zur Ablehnung ausreicht. Das
müssen wir in Abhängigkeit von den konkreten Bedingungen
immer neu entscheiden.
Wir verfügen
nicht über die notwendigen Mehrheiten, um etwas durchzusetzen
oder zu verhindern. Daraus müssen politisch verlässliche
Schlussfolgerungen für unser Handeln gezogen werden,die uns inhaltlich tragen und Wege zu notwendigen
Mehrheiten und daraus folgendem Einfluss aufzeigen, um unsere
Positionen auch umsetzen zu können. Wir müssen
auch aus der Minderheitenposition glaubhaft sein. Konjunkturelle
Abhängigkeit von medialer Darstellung, von einseitigem
Lobbyismus macht erpressbar – führt mindestens in Nötigungssituationen.
Wir werden auch strategische und taktische Positionen des
Widerstandes und der Auseinander-setzungerarbeiten
müssen, um politisch im Prozess der Einführung
und Anwendung kritisierter oder gar abgelehnter Technologien
in der Privatwirtschaft handlungsfähig zu bleiben.
Die Ignoranz anderer politischer Akteure gegenüber
Forderungen nach Aufklärung kann öffentlich vorführen,
dass uns zumindest an diesem Punkt die Durchsetzungskraft
fehlt. Stattdessen verschafft man der Privatwirtschaft kraft
parlamentarischer Mehrheiten, zusätzliche Möglichkeiten
sich öffentlicher Kontrolle zu entziehen. Zugleich
jedoch verlagern die gleichen parlamentarischen Mehrheiten
den Risikoausgleich auf die staatliche Ebene unter Einsatz
von öffentlichen bzw. Steuergeldern.
Im Prozess der
Aufklärung, Kommunikation und öffentlichen
Auseinander-setzung brauchen wir Partner auf den verschiedensten
Ebenen – parlamentarisch und außerparlamentarisch.
Aber deren Unterstützung kann nicht in ungeprüfter
Übernahme von Positionen bestehen. Es ist normal, dass
diese Partnerschaft auch von einem rein instrumentalisierten
Verhältnis gegenüber der PDS gekennzeichnet ist.
Wir können nur dann souverän handeln, wenn es
uns gelingt, auch in diesen Konstellationen unsere Positionen
zu halten und zu erklären.
Die Träger
von Innovation und Fortschritt haben meist einen eigenen
Anspruch, der stark mit den Begriffen Leistung und Karriere
verbunden ist. Das ist bei uns zu oft verpönt. Gerade
auch in diesem Spektrum haben aber auch Kategorien wie Chancengleichheit
und soziale Gerechtigkeit einen hohen Stellenwert. Nach
den wissenschaftsfeindlichen Entscheidungen der Landesregierung
ist zu beobachten, dass mehr, vor allem auch junge Leute
Interesse an der Politik der PDS gezeigt haben. Jetzt
heißt es für uns offensiv auf junge Leute und
Intellektuelle zuzugehen!
Wissenschaft,Bildung und Innovation sind Zukunftsanker.
Wer
Zukunft gestalten, Innovationsräume schaffen und soziale
Perspektiven eröffnen will, benötigt politischen
Handlungsspielraum. In Zeiten knapper Kassen und steigender
Verschuldung wird dieser als kaum noch gegeben angesehen.
Um so dringender steht die PDS vor der Aufgabe, Maßstäbe
für ihre haushalts- und finanzpolitischen Entscheidungen
zu formulieren, die unseren Vorstellungen über eine
selbsttragende Entwicklung Sachsen-Anhalts gerecht werden.
2.
Verantwortbarer Umgang mit Haushaltsdefizit und wachsender
Verschuldung
Angesichts
der angespannten Haushaltslage und der wachsenden Neuverschuldung
des Landes und der Kommunen fordert die PDS eine Korrektur
der Finanz- und Steuerpolitik in der EU und im Bund, eine
veränderte Prioritätensetzung im Landeshaushalt
sowie geänderte Rahmenbedingungen für kommunale
Haushalte. Nachhaltige Finanz- und Steuerpolitik, die
Handlungsspielräume für heute und morgen erhalten
will, muss auf Veränderung der Haushaltsstrukturen
zugunsten zukunftsorientierter Ausgaben und einer stärkeren
Einbeziehung von hohen Einkommen, Kapitaleinkommen und Vermögen
ausgerichtet werden. Dies setzt eine veränderte Finanz-
und Steuerpolitik in der Europäischen Union (z.B. die
Revision der Defizitkriterien des EG-Vertrages und des Stabilitäts-
und Wachstums-paktes) und auf Bundesebene (z.B. Einführung
eines Steuermodells, das nicht ein-seitig auf eine Belastung
von Arbeit und Konsum zielt) voraus, die mit der gegen-wärtigen
Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten
nach oben Schluss macht.
Da
es für solche Änderungen zurzeit keine politischen
Mehrheiten gibt, müssen wir im Land und in den Kommunen
unter den Rahmenbedingungen eines Haushalt-defizits auf
der Grundlage der verfehlten Steuerpolitik des Bundes, der
nach wie vor stagnierenden wirtschaftlichen Entwicklung
und den daraus fehlenden Steuerein-nahmen und auch einer
falschen Ausgabenpolitik agieren.
Diese
Situation stellt auch zunehmend unsere eigenen tradierten
Prioritäten und Entscheidungskriterien infrage. Wir
sind aufgefordert, uns offensiv mit den Fragen der Konzentration
öffentlicher Mittel, deren effektivem Einsatz und der
Verschuldungsproblematik auseinanderzusetzen. Nur so
können wir den finanziellen Handlungsspielraum erreichen,
den wir zur Realisierung unserer politischen Schwerpunkte
benötigen.
Entscheidend
für die politische Bewertung haushaltspolitischer Eckpunkte
im Land und in den Kommunen sind für uns die Perspektiven
und Chancen der Bürgerinnen und Bürger, hier zu
leben und auch zu arbeiten.
Als
erstes müssen wir die Frage beantworten, welche
öffentlichen Aufgaben Bund, Länder und Kommunen
haben, wer welche Aufgaben zu erfüllen hat,
welche qualitativen Standards an diese Aufgaben zu
setzen sind und welche Finanzen dafür benötigt
werden.
Aufgaben-
und Ausgabenverzicht dürfen allerdings nicht dazu führen,
dass die einzelnen Gebietskörperschaften auf Kosten
der anderen Ebenen Konsolidierungs-politik betreiben. Daher
muss die Einhaltung des Prinzips,dass bei Übertragung von Aufgaben an die Gebietskörperschaften
gleichzeitig auch ihre Finan-zierung gesichert werden muss,für uns höchste Priorität
haben.
Die
Kommunen benötigen wieder mehr Freiräume für
Investitionen. Gleichzeitig sind wir gefordert, eine neue
Definition des Investitionsbegriffes auf der politischen
und verfassungsrechtlichen Ebene zu initiieren. Soziale
Investitionen, d.h. Inves-titionen in Bildung, Ausbildung,
Wissenschaft, Gesundheit, sind Investitionen in die Zukunft
unseres Landes. Sie müssen als Leistungen in Humankapital
gewertet und dürfen nicht länger als konsumtive
Ausgaben eingestuft werden. Investitionsentscheidungen der
öffentlichen Hand oder langfristige gesetzliche Bindungen
müssen mit einer Untersuchung ihrer möglichen
oder zu erwartenden Folgekosten und Folgeentlastungen
verknüpft werden.
Ausgabenreduzierungen
sind möglich durch Umstrukturierungen der öffentlichen
Haushalte. Subventionen, die strukturelle Reformen
verhindern oder sich nicht langfristig selbst tragen, sind
Alimentierungen und müssen abgelöst werden
durch Investitionen, die auf zukünftigen Ertrag für
das Gemeinwesen gerichtet sind.
Zur
Demokratisierung der Haushaltspolitik der Kommunen
ist die Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger
notwendig. Partizipative Haushalte können eine
Grundlage für eine transparente Kommunalpolitik für
und mit den Bürgerinnen und Bürgern werden. In
Verbindung mit einer kommunalen Investitionspauschale hätten
die Kommunen und die Bürgerinnen und Bürger die
Möglichkeit, Prioritäten zu setzen und so auch
Investitionen in Schulen, Kitas, Sportstätten oder
Kulturein-richtungen zu ermöglichen, wenn es
die Mehrheit will. Damit wäre zugleich die Chance
einer Aufwertung nicht ausschließlich wirtschaftsorientierter
Standortfaktoren gegeben.
Die
gegenwärtige Politik der Entschuldung und Haushaltskonsolidierung
führt in eine Sackgasse.
Öffentliche Aufträge bleiben aus, damit fehlt
den Unternehmen die Arbeit und in den Kommunen entstehen
einerseits ein Sanierungsbedarf und andererseits ein wirtschaftlicher
Niedergang, der zu noch mehr Arbeitslosen führt und
damit zu weniger Einnahmen. Zur Haushaltskonsolidierung
und -gestaltung kann deshalb mittel- und langfristig eine
Verschuldung dienen, wenn die durch Schuldenaufnahme
mehr zur Verfügung stehenden Mittel auf der Grundlage
klarer Kriterien für Wertschöpfung, Zukunftsfähigkeit,
Nachhaltigkeit und Arbeitsplatz-schaffung genutzt werden.
Eine Neuverschuldung zum Abbau vorhandener Schulden dagegen
ist gegenwärtig kontraproduktiv, denn damit ist keine
Chance einer Steigerung der Einnahmen verbunden.
In
einer Zeit, in der Entscheidungen der herrschenden Politik
massiv in die Lebens-bedingungen des einzelnen Bürgers
eingreifen und ihn mit dem Verweis auf die Alternativlosigkeit
zunehmend entmündigen, wird die Forderung nach mehr
direkter Demokratie und Mitwirkung für den Einzelnen
immer mehr erlebbar. Nur die Stärkung der zivilgesellschaftlichen
Kräfte kannwirksames Gegengewicht gegen Sachzwänge einer kapitaldominierten
Gesellschaft hervorbringen.
3. Kommunale
Daseinsvorsorge als Voraussetzung für Demokratie, Selbstverwirklichung
und Eigenverantwortung
Kommunale
Daseinsvorsorge ist eine der Voraussetzungen für Selbstbestimmung
und Eigenverantwortung und zugleich Gegenstück
zu zentralstaatlicher Bevormundung und erstickender Überregulierung.
Neben den traditionellen Bestandteilen der Daseinsvorsorge
setzt die Modernisierung der Gesellschaft neuartige Schwerpunkte:
darunter vor allem die direkte politische Teilhabe von Bürgerinnen
und Bürgern, vielfältige Angebote für Selbstentfaltung
und lebenslanges Lernen. Die Vielfalt der Interessen
bedarf der Vielfalt an Angeboten. Die Wahr-nehmung dieser
neuen ebenso wie der traditionellen Säulen der Daseinsvorsorge
wird durch Massenarbeitslosigkeit und daraus resultierender
privater Armut großer Teile der Bevölkerung und
nicht zuletzt vor dem Hintergrund leerer kommunaler Kassen
ausgebremst.
Linke
Kommunalpolitik muss der Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken. Angesichts der drohenden Auswirkungen sozial ungerechter
Reformpolitik der Bundesregierung geht es deshalb vor allem
um die Abfederung der Folgen von Armut. Solange Menschen
in sozialen Notlagen trotz ihrer gesellschaftlichen Ursachen
allein verantwortlich gemacht werden, solange die Privatisierung
der Lebensrisiken zur vermeintlich einzigen Alternative
eines reformbedürftigen Sozialstaates erklärt
wird, müssen die Kommunen vor allem Voraussetzungen
für Selbstbestimmung und Eigenständigkeit aller
Menschen sichern.
Entstaatlichung
braucht eine linke Alternative:
die Stärkung dezentraler und zivilgesellschaftlicher
Strukturen. Wir betrachten die Bürgergesellschaft
als Korrektiv zwischen Markt und Staat, denn ein Rückzug
des Staates darf nicht einzig und allein ein Gewinn für
den Markt werden.
Die
staatlichen Ebenen, der Bund wie auch das Land, müssen
dem Gemein-wohl verpflichtet bleiben, in dem sie die finanziellen, materiellen und gesetzlichen
Rahmenbedingungen (qualitative Standards) für alle
Bereiche der Daseinsvorsorge gewährleisten.
Daseinsvorsorge
ist die Grundlage für das soziale Leben in den Kommunen.
Sie soll Hilfe, Beratung, Grundsicherung und Entlastung
für Bürgerinnen und Bürger sein.
Politik
vor Ort ist überschaubar und deshalb das Feld unmittelbarer
Demokratie. Sie ist effizient, weil sie problemorientiert
und sachgerechter handeln kann, weil mit ihr unkonventionelle
Lösungen möglich sind. Sie fordert direktes politisches
Engage-ment von Menschen heraus.
Politik
vor Ort ist deshalb am besten in der Lage, die Bedarfe von Menschen auszu-machen,
Schwerpunkte zu setzen und verschiedene Ressourcen
zu bündeln, um die Lebensqualität von Bürgerinnen
und Bürgern zu verbessern, soziale Ungerech-tigkeiten
abzubauen und regionale Ungleichheiten auszugleichen, Eigenverantwort-lichkeit
und Selbsthilfe herauszufordern und stark zu machen.
Kommunale Selbstverwaltung
wie auch die Stärkung zivilgesellschaftlicher Kräfte
sind immer auch ein Gegengewicht zu den Entscheidungszwängen
einer kapital-dominierten Gesellschaft.
Für
uns bildet die Entwicklung regionaler Leitbilder der Daseinsvorsorge
einen diskussionswürdigen Ansatz. Darin formulieren
Kommunen und Regionen eigene politische Schwerpunkte der
Daseinsvorsorge, darunter z.B. den Umfang der Angebote –
natürlich im Rahmen der von staatlicher Seite vorgegebenen
finanziellen und qualitativen Rahmenbedingungen. Partizipative
Haushalte in den Kommunen sollen über die Verwendung
der kommunalen Finanzen in Anlehnung an das beschlossene
Leitbild mitentscheiden.
Wir
plädieren für einen stärkeren Verzicht
des Landes auf eine „Politik der goldenen Zügel“,
denn zentralisierte Mittelbewirtschaftung und politische
Steuerungsvorbehalte sind nicht in jedem Fall ein Bestandsschutz
für geförderte Institutionen und Strukturen. Ein
erster Schritt dazu wäre die Überführung
zweck-gebundener pauschaler Mittel des Landes für Aufgaben
der Daseinsvorsorge an die Kommunen.
Damit
verbunden ist eine deutliche Stärkung der Kommunalpolitik.
Die PDS erneuert deshalb ihre Forderung nach einer umfassenden
Kommunalisierung von Aufgaben im Rahmen einer Gebietsreform.
Die
PDS streitet für eine stärkere Förderung
der freien Träger, der Interessen-verbände
und Bürgerinitiativen, vor allem aber ihrer örtlichen
und regionalen Strukturen hinsichtlich selbstverantwortlich
organisierter Angebote.
Im
Sinne direkter demokratischer Teilhabe schlagen wir die
Herausbildung von Bürgerkommunen, insbesondere
die Einführung von Bürgerhaushalten, vor. Voraussetzung
dafür ist nicht zuletzt der Wille aller Beteiligten
und Betroffenen zur Konsenssuche.
Den
Kommunen, vor allem ihren Einwohnerinnen und Einwohnern,
muss mehr Entscheidungsfreiheit über effiziente
und betriebswirtschaftlich günstige Trägerschaften
für ihre Angebote zugestanden werden, wodurch die
Chancen-gleichheit bei deren Nutzung für alle Bürgerinnen
und Bürger gesichert bleiben muss.
Wir
sollten uns als eine Partei profilieren, die für den
Anfang eines neuen und offenen Wandlungsprozesses steht
– in Ost und West. Aufbruchstimmung müssen wir ausstrahlen
und inhaltlich untersetzen!
Autoren:
Arbeitsgruppe
Leitantrag
Achim
Bittrich, Birke Bull, Michael Entrich, Matthias Höhn,
Angelika Klein, Uwe Köck,
Bodo
Meerheim, Helga Paschke, Petra Sitte, Wolfgang Süß,
Frank Thiel, Petra Weiher
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