2.Tagung des 8.Landesparteitages 11.September
2004, Kulturhaus Leuna Reden
Rede zur Einbringung des Leitantrages "Streitbar für
Veränderung!" - Matthias Höhn
"Streitbar für Veränderung!" - wir wollen mit diesem
Landesparteitag und dem Leitantrag, den wir euch zur Diskussion und
Beschlussfassung vorgelegt haben, zwei Dinge klar zu Ausdruck
bringen:
1. Die PDS ist willens und in der Lage, sich den
tief greifenden Umbrüchen dieser Zeit zu stellen und auf diese mit
eigenen Ideen und Konzepten zu antworten. Wir brauchen einen
inhaltlichen Aufbruch! 2. Wir müssen diesen inhaltlichen Aufbruch
in einem sehr viel konsequenterem Maße als bisher mit dem Prozess
der Parteireform verbinden. Von diesem Landesparteitag muss das
klare Bekenntnis ausgehen, dass wir als PDS unsere geistige,
kulturelle und politische Öffnung offensiv vorantreiben.
Anderthalb Jahrzehnte nach der politischen Wende in
der DDR und dem Vollzug der deutschen Einheit müssen wir für
Sachsen-Anhalt eine ernüchternde Bilanz ziehen.
Nach wie vor stagniert die wirtschaftliche
Entwicklung unseres Landes auf niedrigem Niveau. Nach wie vor
verlassen jedes Jahr vor allem junge Menschen Sachsen-Anhalt in der
Hoffnung, anderswo eine bessere Perspektive zu finden. Die
derzeitige Politik der Bundesregierung verschärft diese Entwicklung
noch, anstatt ihr entgegenzuwirken. Vielen Menschen drängt sich der
Eindruck auf: Die da oben haben den Osten längst aufgegeben.
Und auch unsere Landesregierung aus CDU und FDP hat
dem nichts entgegenzusetzen. Im Gegenteil: Sie forciert diese
Prozesse noch durch ihren Deregulierungswahn und ihr
konzeptionsloses Kaputtsparen gerade an den Punkten, die für die
Zukunft Sachsen-Anhalts von entscheidender Bedeutung sind.
All dies vertieft nicht nur jeden Tag aufs Neue die
soziale und kulturelle Spaltung unseres Landes - all dies ist mit
einem weiteren und nicht weniger großen Konflikt verbunden: Die
Bürgerinnen und Bürger wenden sich in zunehmenden Maße ab: nicht
unbedingt von der Politik, das sehen wir seit Wochen auf den
zahlreichen Montagsdemonstrationen, aber von den Parteien und
Regierungen. Immer stärker wird das Misstrauen gegen die politischen
Entscheidungsträger, gleich auf welcher Ebene. Dies kann und darf
uns als PDS nicht egal sein. Gerade weil wir in diesen Wochen an der
Seite vieler Demonstranten stehen, dürfen wir nicht zulassen, dass
die Bürgerinnen und Bürger in ihrem Frust über die aktuellen
politischen Entscheidungen ihr Vertrauen in die Demokratie
verlieren. Darum treten wir gerade auch in dieser Zeit
Rechtsextremisten und Neofaschisten entschieden entgegen. Wir haben
mit diesen politischen Kräften nichts gemein.
Wer - wie der Bundeskanzler - anderes behauptet,
beleidigt nicht nur die vielen aktiven Antifaschistinnen und
Antifaschisten in unseren Reihen, er disqualifiziert sich selbst und
setzt dabei viel mehr aufs Spiel, als ihm möglicherweise bewusst
ist. Soviel sollten wir alle in der Bundesrepublik Deutschland
aus unserer gemeinsamen Geschichte gelernt haben.
Anrede,
wir stehen als PDS vor der Herausforderung, für
Sachsen-Anhalt eine eigenständige und selbst tragende Perspektive zu
entwickeln. Die Bürgerinnen und Bürger wollen nicht länger
vorgeworfen bekommen, am Tropf der alten Bundesländer zu hängen. Sie
wollen endlich die reale Chance erhalten, selbst zum Träger ihrer
Zukunft zu werden. Sie wollen nicht alimentiert werden, sie wollen
gestalten. Wer den Bürgerinnen und Bürgern nicht verständlich
machen kann, warum er welche politischen Entscheidungen heute fällt,
wird weder Vertrauen noch Engagement wecken. Wir können dieses Land
aber nur mit den Menschen gestalten, nicht für sie. Enorme Summen
sind in den so genannten "Aufbau Ost" geflossen. Flächendeckend
erreicht wurde damit bestenfalls ein Auf- und Ausbau moderner
Infrastruktur. Eine mittel- bis langfristig selbst tragende
Entwicklung wurde nur vereinzelt angestoßen.
Wo sehen wir Ansatzpunkte einer
Entwicklungsstrategie für Sachsen-Anhalt?
Für die PDS ist die Frage sozialer Gerechtigkeit von
entscheidender Bedeutung. Chancengleichheit, Zugang und Teilhabe an
Gesellschaft und gesellschaftlichen Ressourcen stehen im
Vordergrund. Dabei wird ein Faktor mehr und mehr zum zentralen:
der Faktor Bildung!
Wir sagen im Leitantrag: "Innovationsfähigkeit
und Innovationskraft bestimmen in Zukunft im engeren Sinne
maßgeblich über die Zukunft ganzer Volkswirtschaften und im weiteren
Sinne über die Perspektiven der Gesellschaft selbst. Wissen ist
damit nicht nur zur bestimmenden Ressource in der Wirtschaft
geworden, sondern Wissen ist wichtigste Voraussetzung für
verbesserte soziale Perspektiven."
Einkommen und Bildung werden mehr und mehr zu zwei
Seiten der selben Medaille. Einkommensarmut der Eltern - in
Sachsen-Anhalt schon lange kein Einzelfall mehr - hat direkten
negativen Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder. Und diese
geringeren Bildungschancen übertragen die Einkommensarmut der Eltern
und die damit verbundene gesellschaftliche Ausgrenzung auf das
spätere Leben der heutigen Kindergeneration. Diesen Kreislauf der
Hoffnungslosigkeit müssen wir durchbrechen. Und dies nicht nur,
um die individuelle Situation der Betroffenen zu verbessern, sondern
die Perspektive für die gesamte Region. Die fortschreitende
Bildungsarmut breiter Schichten ist bereits heute eines der größten
Hindernisse für eine Entwicklungsperspektive unseres Landes. Wer
soll denn diese Entwicklung initiieren und langfristig tragen, wenn
nicht die junge Generation?!
Wenn dies so ist, müssen wir darauf drängen, hier
auch den politischen Hebel anzusetzen. Allerdings wird das nicht
funktionieren mit kurzatmigen - meist symbolischen -
Entscheidungen. Es bedarf eines ganzheitlichen Konzeptes, das bei
den Kindertagesstätten beginnt und bei universitärer Forschung und
Wirtschaftsförderung endet. Nicht zuletzt deswegen haben wir in
den letzten Monaten immer wieder deutlich zu machen versucht, dass
es politischer Unfug ist, Sparen in den Bereichen Kinder, Jugend,
Bildung und Wissenschaft als Zukunftssicherung zu verkaufen!
Wenn die Landesregierung die vorschulische Bildung
vom Geldbeutel der Eltern abhängig macht, zerstört sie die Chancen
vieler junger Menschen bereits am Beginn ihrer Entwicklung. Darum
werden wir als Bündnispartnerin den vor uns stehenden Volksentscheid
genauso kraftvoll unterstützen wie das erfolgreich beendete
Volksbegehren.
Wenn die Landesregierung in der schulischen Bildung
die Auslese der Integration vorzieht, verschärft sie die soziale
Schieflage in unserem Bildungssystem aufs Neue und sorgt dafür, dass
weniger junge Leute zur Hochschulreife gelangen anstatt mehr als
bisher, wie es in Zeiten der Wissensgesellschaft eigentlich vonnöten
wäre.
Wenn die Bundesregierung dieser Tage die
Finanzierung der Leibniz-Institute infrage stellt, ist dies mehr als
unverantwortlich, denn eine Kompensation von Landeseite ist mehr als
fraglich. Diese Institute - allein in Sachsen-Anhalt fünf an der
Zahl - leisten einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung unseres
Bundeslandes, bei der Profilierung einer eigenen Innovationsbasis
ebenso wie bei der dringend notwendigen Vernetzung von Hochschule,
Wissenschaft und Wirtschaft.
Wir brauchen eine Konzentration der vorhanden
öffentlichen Mittel genau auf diesen Feldern, um die geistige
Grundlage für die angemahnte Innovationsfähigkeit und
Innovationskraft zu schaffen. Wer die Axt an die Wurzel legt, darf
sich nicht wundern, wenn in der Krone die Blätter welken.
Von John Naisbitt, einem amerikanischen
Prognostiker, stammt der Satz: "Statt unablässig den Verlust der
alten Industrien zu bejammern, müssen wir uns einfach dem Abenteuer
stellen, neue Industrien zu entwickeln."
Eine konsequente Ausrichtung unserer Politik auf
diesen Weg verlangt von uns aber gleichzeitig eine offene Diskussion
über Themen, die wir als PDS bisher gemieden, manchmal sogar verpönt
haben:
- Leistung und Leistungsbereitschaft, - Förderung
von Spitzenleistungen in Bildung und Wissenschaft, - kommerzielle
Verwertbarkeit wissenschaftlicher Forschung oder - Bewertung von
Chancen und Risiken neuer Technologien.
Wir haben in den letzten Monaten erlebt, wie schwer
uns diese Diskussionen fallen und wie unsachlich sie manchmal
geführt werden. Dies dürfen wir uns weder menschlich zumuten, noch
können wir es uns inhaltlich leisten.
Neue Technologien bergen stets Chancen und Risiken
gleichzeitig in sich. Diesem Abwägungsprozess müssen wir uns immer
wieder aufs Neue stellen. Sowohl Befürwortung als auch Ablehnung
müssen wir öffentlich und für die Betroffenen nachvollziehbar
begründen. Dabei werden wir nicht immer einen Konsens innerhalb der
Partei erzielen können und mit Mehrheiten entscheiden. Dies muss
kein Nachteil sein, wenn wir alle damit umzugehen wissen. Der
Landesvorstand und die Landtagsfraktion haben bewiesen, dass sie
verantwortungsbewusst und ohne übertriebene Euphorie dazu in der
Lage sind. Bezogen auf die Gesamtpartei kann dies leider nicht
behauptet werden.
Die notwendige Debatte etwa über Breiten- und
Elitenförderung wird uns nicht weniger in Anspruch nehmen. Klar
ist aber schon jetzt, eine Beschränkung auf ersteres würde uns den
Zugang zu Spitzentechnologien und Innovationskraft verbauen, eine
Konzentration allein auf die Spitze würde der bildungspolitischen
Auslese das Wort reden, wäre sozial ungerecht und würde sich selbst
irgendwann erledigen. Denn woher sollte die Spitze kommen, wenn
nicht aus der Breite. Beides gleichermaßen muss im Fokus von
PDS-Politik liegen.
So wichtig und unbedingt notwendig es ist - aber
linke Politik kann und darf sich nicht darauf beschränken zu
versuchen, die sozialen Verwerfungen aufgrund politischer
Fehlentscheidungen im Zuge eines Nachteilsausgleiches nachträglich
zu beheben. Wir müssen dafür sorgen, dass immer weniger Menschen in
die Situation kommen, auf diese Hilfe angewiesen zu sein. Vorsorge
statt Fürsorge muss unsere Devise lauten!
Anrede,
beinah täglich werden wir damit konfrontiert,
angesichts der knappen Kassen darstellen zu müssen, woher das Geld
für unsere Konzepte kommt - egal, ob in der Kommune, im Land oder
auf der Bundesebene. Wir können diese Frage nicht ignorieren, dies
würde uns politisch handlungs- und entscheidungsunfähig machen.
Konzentration auf Schwerpunkte heißt
Prioritätensetzung. Dies wiederum heißt: Nicht für alles ist in
gleichem Umfang Geld vorhanden. Wenn wir die vorhandenen
öffentlichen Mittel schwerpunktmäßig in Wissenschaft, Bildung und
Innovation - also in die Köpfe investieren wollen, bleibt weniger
für den Beton. Diesen Ansatz werden wir jeden Tag zu verteidigen
haben angesichts der nicht nachlassenden Begehrlichkeiten nach immer
mehr öffentlichen Fördermitteln vonseiten der Wirtschaft und
anderswo.
Maßstab dabei ist für uns, ob die Gesellschaft
mittel- und langfristig aus diesen Investitionen einen Ertrag zieht
oder ob es sich dabei um schlichte Subventionierung handelt, die
überholte Strukturen lediglich verfestigt und eine selbst tragende
Entwicklung eher behindert als befördert.
Hier stehen wir vor dem Problem, dass Investitionen
in Bildung, Wissenschaft und Ausbildung bisher nicht als solche
behandelt, sondern als so genannte konsumtive Ausgaben abgetan
werden. Dies muss sich ändern. Die PDS fordert, dass diese Ausgaben
endlich als Investitionen in die Zukunft unseres Landes angesehen
und dementsprechend in den öffentlichen Haushalten behandelt
werden.
Anrede,
gleichzeitig stellen wir im Leitantrag die Frage, in
welchem Umfang und auf welcher Ebene der Staat selbst zum Akteur
werden soll. Wir müssen als PDS unsere Vorstellung darüber
beschreiben, welche Aufgaben wir unverzichtbar als staatliche
definieren, welche finanziellen Mittel wir dafür bereitstellen
müssen und durch wen sie erfüllt werden. Wir plädieren dafür, in
deutlich stärkerem Maße als bisher, Verantwortung und damit
verbunden finanzielle Mittel auf die kommunale Ebene zu verlagern.
Verknüpfen möchten wir diese gewachsenen Entscheidungsmöglichkeiten
vor Ort mit einer gleichzeitig wachsenden Bürgerbeteiligung, d.h.
mit Bürgerhaushalten.
Wenn wir als PDS der marktgläubigen Entstaatlichung
etwas entgegensetzen und dabei aber eine überbordende
Staatsgläubigkeit vermeiden wollen, schlagen wir im Leitantrag vor,
auf diese beiden Polen mit dezentralen und zivilgesellschaftlichen
Strukturen zu antworten.
Der Staat, also Bund und Land, bleiben natürlich in
der Pflicht, den qualitativen Rahmen zu beschreiben und den
finanziellen Spielraum der Akteure sicherzustellen - das heißt mit
Blick auf die Fragen der Daseinsvorsorge auch, worauf jede Bürgerin
und jeder Bürger einen Anspruch hat, welche Leistungen angeboten
werden müssen. Aber wir sagen, viele Dinge können vor Ort eben
überschaubarer und effizienter entschieden und umgesetzt werden und
sind besser demokratisch kontrollierbar - nicht zuletzt durch die
Etablierung von Bürgerhaushalten.
Anrede,
die Aufforderung des Leitantrages, eine Perspektive
für unser Land zu formulieren, die Zielfunktion politischer
Entscheidungen zu definieren, uns über Aufgaben und Rolle des
Staates zu verständigen und die Chance zu eröffnen, die Menschen
selbst zum Träger der Entwicklung unseres Landes zu machen, ist eine
enorme Herausforderung an uns alle, an die gesamte PDS,
aber,
sind wir als Partei überhaupt in der Lage, den von
mir skizzierten und im Leitantrag ausführlich dargestellten
inhaltlichen Weg zu beschreiten? Ich sage Ja, aber nur, wenn wir
endlich alle miteinander begreifen, dass wir offensives politisches
Agieren unsererseits nur erreichen, wenn wir die Schritte einer
notwendigen Parteireform konsequent beschreiten und uns nicht
immerzu im wiederkäuenden Lamentieren über unsere vielen Probleme
ergehen.
Ich sage dies so deutlich, weil man schon ärgerlich
darüber werden kann und muss, wie lange wir bereits über diese
Punkte reden und wie wenig wir bisher geschafft haben. Die Zeit,
die wir für derartige Reformen aber zur Verfügung haben, wird immer
weniger. Ich bin davon überzeugt, wenn wir hier nicht spürbar
nachlegen, gefährden wir einen durchaus möglichen Wahlerfolg unserer
Partei 2006 ernsthaft. Dies ist politisch nicht
verantwortbar!
Worum geht es? Einerseits um die Reform unserer
Oragnisations-, Finanz- und Personalstrukur. Aber andererseits eben
auch - und dies wird sehr gern unterschlagen - um eine weitere
geistige, kulturelle und politische Öffnung der PDS.
Wir stehen vor dem ernsthaften Problem einer
massiven Überalterung der Partei. Und dieses Problem wächst jeden
Tag. Wir stehen vor einem weiteren Problem - der bei weitem nicht
repräsentativen Zusammensetzung der PDS. 35 Prozent unserer
Mitglieder sind über 70 Jahre alt, 60 Prozent sind Renterinnen und
Rentner. Andere Bevölkerungsgruppen sind weit weniger
vertreten. Dies wirkt sich überdeutlich zum einem auf die
politische Aktionsfähigkeit der PDS aus. Dies wirkt sich zum anderen
überdeutlich auf unsere Ankopplung an gesellschaftliche Prozesse
aus. Vieles von dem, was jeden Tag in diesem Land passiert,
spiegelt sich nicht in unseren Mitgliedern wider, viele
Diskussionen, die außerhalb der PDS geführt werden, sind nicht
unsere Themen.
Dies muss sich ändern, liebe Genossinnen und
Genossen. Dies können wir aber nur gemeinsam ändern. Keines dieser
Probleme kann "von oben" gelöst werden.
Wir brauchen breitere gesellschaftliche Akzeptanz.
Nicht nur die, die sich aus dem gemeinsamen Protest gegen die
unsoziale Politik der Bundes- oder Landesregierung speist, sondern
vor allem jene, die sich auf unser eigenes politisches Profil
bezieht. Dafür gehören unsere Konzepte auf den Prüfstand.
Alle! Setzen sie an an den aktuellen Auseinandersetzungen und
Problemen? Sind sie realisierbar und vor allem, sind sie jenen
Menschen vermittelbar, die wie wir Veränderung wollen und dafür
einen politischen Partner suchen?
Warum gelingt es uns in bisher zu geringem Maße,
neue Mitglieder zu gewinnen. Liegt es wirklich nur daran, dass die
Leute - ob jünger oder älter - keine Lust mehr auf die Parteien
haben? Oder liegt es nicht vielmehr daran, dass wir zu wenig den
Willen und die Fähigkeit besitzen, neue Ideen und Konzepte in unsere
Programmatik zu intergrieren, und dass wir viel zu wenig die dafür
notwendige Toleranz, Offenheit und Neugier ausstrahlen. Es kann
nicht darum gehen, den Menschen fertige Gewissheiten zu verkaufen.
Es muss darum gehen, Menschen Angebote zu machen, Angebote zur
Diskussion, Angebote zum Engagement und Angebote der Vernetzung -
und das öffentlich und nicht im hintersten Zimmer der Gemeinde.
Wenn wir - wie auf dem letzten Landesparteitag
geschehen - unbequeme Punkte, Punkte die für uns tabu scheinen, aus
einem Papier einfach so herausstreichen, einfach weil wir nicht
darüber reden wollen, wenn wir dies tun, mögen manche glauben, wir
handelten "politisch korrekt".
Aber wir animieren dadurch niemanden zu einer
offenen Diskussion. Im Gegenteil, wir verweigern uns Realitäten und
lassen jene im Regen stehen, die als politisch Handelnde tagtäglich
mit diesem Problem konfrontiert sind. Wir versuchen zu oft, Dinge
zu konservieren, die nicht zu halten sind, ohne darüber zu reden,
was danach kommt. Aber seit wann kann Strukturkonservatismus ein
Gütesiegel für linke Politik sein? Gewiss, es mag in unserer
Geschichte mehr als einmal ein Markenzeichen gewesen sein, aber
Gewinn haben wir daraus niemals gezogen. Und die Gesellschaft, die
wir doch so grundlegend verändern wollen, erst recht nicht.
Anrede,
wir brauchen eine neue Diskussionskultur in unserer
Partei, wir müssen der PDS ein einheitliches - ein nach vorn
blickendes - Erscheinungsbild geben, wir müssen unsere Strukturen
den Entwicklungen und Erfordernissen anpassen. Ansonsten werden wir
die vor uns stehenden Aufgaben nicht bewältigen.
Der Leitantrag formuliert diesbezüglich Aufgaben an
den Landesvorstand, den Arbeitsausschuss Parteireform und an die
gesamte Partei. Ich bitte euch, nicht darauf zu warten, dass
andere für euch diese schwierigen Probleme lösen. Ich bitte euch,
jeden Tag selbst, dort wo ihr politisch verwurzelt und aktiv seid,
diese Probleme anzugehen! Diesen Kraftakt leisten wir nur
gemeinsam!
Anrede,
wir leben in einer Zeit massiver Umbrüche.
Gesellschaftsstrukturen, soziale, weltanschauliche und kulturelle
Milieus lösen sich auf, neue entstehen. Die Herausforderungen, die
aus der Globalisierung erwachsen, sind kaum abschätzbar. Tief
greifende demografische Verschiebungen vollziehen sich. Es wäre
töricht, angesichts dieser Prozesse zu glauben, wir kämen mit einem
blauen Auge davon und könnten uns darauf beschränken, hier und da an
einer Schraube ein wenig zu justieren.
Die meisten Parteien behaupten von sich, sie hätten
den Reformbedarf erkannt und würden ihn jetzt mutig angehen, auch,
wenn es unpopulär sei. Und die gleichen werfen der Linken,
namentlich der PDS, vor, dies zu ignorieren und den Menschen Sand in
die Augen zu streuen.
Wie immer man dies beurteilen mag, das große Problem
ist, dass niemand im politischen Spektrum bisher in der Lage war,
seine punktuellen Vorschläge in ein notwendiges Gesamtkonzept
einzuordnen. Einfach gesagt: Wo will man hin gelangen am Ende der
Reise. Und dies ist sicher auch ein Grund dafür, dass so viele
Menschen derart verunsichert reagieren. Das Wort Reform ist zum
Unwort verkommen, bestenfalls taugt es noch als Synonym für
Flickschusterei.
Wir müssen uns als PDS einmischen in den politischen
Wettbewerb, in den Widerstreit der Lösungsansätze. Und wir müssen zu
erklären versuchen, warum wir heute so entscheiden, wie wir
entscheiden. Helfen werden uns dabei keine abstrakten, wohl
klingenden linken Denkmodelle. Es muss uns gelingen, passgenaue
Bausteine für das bunte gesellschaftliche Mosaik zu entwickeln, die
ihre Bewährungsprobe heute schon bestehen und nicht, wenn das Mosaik
das Gesamtbild ergibt, das wir uns vielleicht wünschen.
Wir müssen als PDS die Fähigkeit entwickeln, unsere
grundsätzlichen Positionen mit den sich tagtäglich verändernden
Rahmenbedingen in Einklang zu bringen. Darum wird es keine Lösungen
mehr geben, die für immer gelten. Wahrscheinlich gab es die auch
nie.
In dieser Zeit erlebt die PDS einen enorm
gewachsenen Zuspruch. Größer zum Teil, als wir ihn jemals hatten.
Wir dürfen diese Chance nicht leichtfertig vergeben, indem wir
diesen Zuspruch zur taktischen Größe verkommen lassen. Wir werden
vor der Herausforderung stehen, Antworten liefern zu müssen. Oder
wir werden diese Menschen bitter enttäuschen und als PDS einen
Abstieg erleben, den wir vermutlich nicht verkraften würden.
Diesen Landesparteitag wollen wir nutzen, um unsere
Vorstellungen über eine Entwicklungsperspektive für unser Land zu
skizzieren. Und wir sind uns darüber im klaren, dass wir diese
Herausforderung nur bestehen werden, wenn wir bereit sind, immer
wieder aufs Neue unsere Ideen und Konzepte zu hinterfragen, unsere
Art Politk zu machen auf den Prüfstein stellen, denn: Nur wer bereit
und in der Lage ist sich selbst zu verändern, kann auch die
Gesellschaft verändern. Und das ist bitter nötig! Genau das
wollen wir: Mutig und Sozial! Streitbar für Veränderung!
Ich danke euch.
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