2.Tagung des 8.Landesparteitages 11.September
2004, Kulturhaus Leuna Reden
Rede Petra Pau, Mitglied des Deutschen Bundestages, auf der
2. Tagung des 8. Landesparteitages am 11. September 2004 in
Leuna
Die PDS ist im Umfrage-Hoch. Wir sind im Wahlkampf.
Und wir haben einen Bundes-Parteitag vor uns, bei dem es um die
künftige Strategie geht.
Das ist der aktuelle Rahmen – für
euren Landesparteitag und für uns im Bundestag.
2Die PDS
wird seit Wochen bundesweit zwischen 6 und 8 % gehandelt. Das ist
gut und gemessen an Umfragen vor Jahresfrist fast so etwas, wie eine
Wiedergeburt.
Wir wären Deppen, wenn wir diesen Aufwind nicht
als zusätzliche Motivation nutzen würden.
Zumal: Die FDP
wetterte diese Woche im Bundestag über Splitterparteien, wie die
PDS. Das kommt gut! Allemal, wenn wir bundesweit mit 8 % und die
Pieper-Partei mit 6 % gehandelt wird.
Also lasst uns
gemeinsam weiter kämpfen.
Ich setze allerdings auch zwei
mahnende Zeichen.
Wer glaubt, wir müssten nur kräftig Nein
sagen und vornweg protestieren, liegt falsch. „Hartz – weg damit“,
ist richtig, aber nicht ausreichend.
Punkt 1: Wir müssen
unsere Alternativen, unsere „Agenda sozial“ viel mehr in die
öffentliche Debatte bringen. Das ist der eigentliche und zugleich
schwierige Part unseres Widerstandes gegen die „Agenda 2010“.
Punkt 2: “Nein“ sagen auch die Nazis. Der Unterschied liegt
beim „Ja“. Das müssen wir deutlicher denn je machen. Wir wollen eine
soziale, eine solidarische und eine gerechte Welt. Das ist das
Gegenteil aller rechten, nationalistischen, rassistischen
Parolen.
Seit die „Hartz“-Proteste laufen, ist der Ton
rauer geworden. Wir erleben das auch im Bundestag.
Bundestagspräsidenten Thiese zum Beispiel muss seinen ganzen,
hochdotierten Stab aktiviert haben, damit Gesine und ich ja keine
Sekunde mehr im Plenum reden können, als uns offiziell
zusteht.
Nächste Woche wird es im Bundestag zwei Tage der
offenen Tür geben. Nach dem, was wir bisher wissen, wird versucht,
die PDS im Bundestag davon auszuschließen. Das werden wir uns
natürlich nicht gefallen lassen.
Aber ich erzähle das auch
aus einem anderen Grund. Wir müssen aufpassen und wir tun das auch,
dass die Auseinandersetzungen um „Hartz IV“ und um die „Agenda 2010“
keine unheilbaren Wunden schlagen. Und wir dürfen die CDU/CSU und
die FDP nicht aus ihrer Verantwortung
entlassen.
Besonders perfide und gefährlich sind die
wiederholten Versuche, die NPD und die PDS in einen Topf zu werfen.
Gesine und ich, wir haben das in der Haushaltsdebatte im Bundestag
natürlich zurück gewiesen.
Ich habe zum Beispiel
gesagt: “Sie sollten sich schämen und entschuldigen. Nicht
nur, dass sie damit viele Antifaschisten, die der Folter in
faschistischen KZs entkommen sind und nun der PDS nahe stehen,
schlimm beleidigen. Sie verharmlosen zugleich die NPD, die mit
nationalistischen und rassistischen Parolen durchs Land zieht.
Mit dieser absurden Gleichsetzung gefährden sie obendrein das
gesellschaftliche Bündnis gegen rechts und für Toleranz. So
kurzsichtig darf man nicht denken, auch nicht im
Wahlkampf“
„Hartz IV“ birgt einen weiteren
Konflikt, bei dem wir sehr aufpassen müssen. Richtig ist, mit einem
ALG II, das im Osten niedriger ist, als im Westen, wird die
Ost-West-Spaltung gesetzlich fortgeschrieben. Das ist absurd und
durch nichts zu begründen.
Wir haben deshalb vorgeschlagen:
Heben sie das ALG II wenigstens einheitlich auf 400 € an. Das macht
„Hartz IV“ nicht gut, aber es wäre ein Signal zum Besseren. Aber
selbst dazu sind die „Hartz“-Verfechter derzeit nicht
bereit.
Zugleich sage ich aber auch: „Hartz IV“ ist kein
Ost-, sondern ein gesamt-deutsches Problem. Denn die Agenda 2010
insgesamt ist der Gegenentwurf zu einem modernen sozialen
Rechtsstaat.
Wenn nun Ministerpräsidenten aus den alten
Bundesländern daraus einen Ost-Konflikt basteln und mit
Liebes-Entzug drohen, dann dürfen wir eben nicht in die so
aufgestellte Falle tappen. Nicht Ost-West ist das Kardinal-Problem,
sondern Arm und Reich. Das müssen wir immer wieder klar
machen.
Mit der Agenda 2010 wird denen genommen, die mehr
brauchen und denen gegeben, die ohnehin viel haben. Das ist
ungerecht. Und im Zusammenspiel mit der Steuerreform wird denen
genommen, die konsumieren und denen gegeben, die spekulieren. Das
ist obendrein unvernünftig, denn es schwächt den schwachen
Binnen-Markt.
Unter dem Strich wird es nicht weniger
Arbeitslose geben, sondern mehr arme Arbeitslos nebst Angehörigen.
Nicht nur im Osten, sondern in allen Strukturschwachen Regionen, in
Franken ebenso wie im Saarland oder Bremerhaven.
Außerdem:
Mit mir sind Gedankenspiele, wonach sich die PDS auf den Osten
konzentrieren und den Westen anderen überlassen solle, ohnehin nicht
zu machen.
Deshalb müssen wir überall für unsere „Agenda
sozial“ werben. Wir müssen mit Angeboten der Mär entgegen treten,
die Agenda 2010 sei alternativlos.
Wir dürfen nicht
Verharren, wir sagen nicht nur Nein, wir streiten für wirkliche
Reformen. Allerdings andere, als uns seit Jahren verordnet
werden.
Wir wollen erstens eine andere Steuerpolitik, eine,
die von oben nach unten umverteilt und nicht andersherum. Wir
wollen eine andere Sozialpolitik, eine die solidarisch wirkt und
nicht die Betroffenen zusätzlich belastet. Und wir wollen mehr
Demokratie und keine „Basta“-Politik.
Und damit wäre ich
bei meinem abschließenden Wunsch: Lasst uns gemeinsam den
gesellschaftlichen Druck für mehr Demokratie erhöhen. Grundsätzlich,
aber auch aktuell.
Wir fordern ein Plebiszit über die
künftige EU-Verfassung und ich schlage dafür immer wieder den 8. Mai
2005 vor. Das wäre ein symbolisches und zugleich ein verpflichtendes
Datum – EU-weit.
(Es gilt das gesprochene Wort)
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