2.Tagung des 8.Landesparteitages 11.September
2004, Kulturhaus Leuna Reden
Rede der Landesvorsitzenden, Dr. Rosemarie Hein, auf der 2.
Tagung des 8. Landesparteitages am 11. September 2004 in
Leuna
Liebe Genossinnen und liebe Genossen, liebe
Freundinnen und Freunde, liebe Gäste,
heute ist der 11. September. Heute jährt sich zum
dritten Mal der Tag, an dem in New York skrupellose Verbrecher zwei
entführte Passagiermaschinen in das World-Trade-Center jagten.
Keiner von uns wird die Bilder vergessen, wie die Türme in sich
zusammensackten und Tausende unschuldiger Menschen unter sich
begruben. Präsident Bush nahm dies zum Anlass für eine neue
Begründung seines "Krieges gegen den Terror". Er setzte unter
Missachtung des Völkerrechts seine ganze Militärmacht ein, um Bin
Laden zu jagen, und stürzte das leidgeprüfte Volk Afghanistans in
einen weiteren verheerenden Krieg. Er überfiel den Irak, um das
Regime Saddam Husseins zu stürzen. Frieden gibt es dort heute noch
nicht. Der angebliche Kampf gegen den Terror, gegen die
sogenannte "Achse des Bösen" ist nichts weiter als ein gnadenloser
Versuch politische und wirtschaftliche Einflussphären zu sichern und
diskreditiert sich selbst.
Zudem hat er zur Zuspitzung von Konflikten und zu
täglichem Terror geführt. Terror, der täglich unschuldige Menschen
in den Tod reißt.
Vor wenigen Tagen sind solchem skrupellosen Terror
in der südrussischen Stadt Beslan wieder Hunderte Menschen zum Opfer
gefallen, darunter viele Kinder. Wie menschenverachtend und
rücksichtslos muss man eigentlich sein, um Geiseln in einer Schule
zu nehmen, an einem Tag, der für die Kinder und ihre Eltern zu einem
der schönsten und erwartungsvollsten werden sollte, am Tag der
Einschulung. Nun wird er ein traumatisches Erlebnis bleiben. Ein
ganzes Leben lang. Dass am Montag der vergangenen Woche in Rom
Tausende auf die Straße gingen um ihrer Trauer, ihrem Mitgefühl aber
auch ihrer Abscheu vor diesem Verbrechen Ausdruck zu verleihen, ist
ein Zeichen dafür, dass Millionen Menschen nicht bereit sind, Terror
hinzunehmen, ihn nicht für legitim halten sondern ihn ohne Wenn und
Aber verurteilen.
Unser Platz war und ist an der Seite der Opfer
skrupelloser Gewalt, an der Seite der Menschen, die gegen Krieg und
Terror auf die Straße gehen. Heute und auch in der Zukunft.
Angriffskriege und Terror sind keine legitimen Mittel der Politik.
Afghanistan, Irak, Darfur, Tschetschenien... die Liste der
Konfliktherde ist lang. Hintergrund vieler dieser Konflikte sind
neben egoistischen Machtinteressen oftmals heftige soziale
Schieflagen. Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie sich
nicht nur, wie im Falle des Irakkrieges, von völkerrechtswidrigem
Gebaren distanziert, sondern, dass sie ihre Anstrengungen um die
friedliche Lösung der vielen Konflikte in der Welt verstärkt,
anstatt die Bundeswehr nach und nach in eine Armee mit
Angriffspotenzial umzubauen.
Ich habe diese wenigen Bemerkungen zu den Konflikten
in der Welt meiner Rede vorangestellt, weil ich meine, dass
angesichts der Sorgen und Nöte, die viele Menschen in Deutschland
heute haben und die sie auf die Straße treiben, nicht vergessen
werden darf, was rings um uns in der Welt geschieht. Dass die
Antikriegsdemonstrationen gegen den Irakkrieg genauso viele Menschen
auf die Straßen gebracht haben wie der Protest gegen den
fortgesetzten Sozialabbau in Deutschland zeigt, dass dieser
Zusammenhang den Demonstrierenden durchaus bewusst ist.
Liebe Genossinnen und Genossen verehrte Gäste,
es kam für viele von uns überraschend, dass im Juli, also in der
schönsten Ferienzeit, beginnend in Magdeburg erst Hunderte, dann
Tausende Menschen spontan auf die Straße gingen und ihr Recht auf
friedlichen Protest einfach wahrnahmen. Zwar haben wir bereits
Anfang des Jahres bei der Unterschriftenaktion gegen die
Eintrittsgebühr beim Arzt, genannt Gesundheitsreform, gespürt, dass
die Bürgerinnen und Bürger immer weniger bereit sind, die Zumutungen
der Politik zu tragen. Nicht selten mussten Ärztinnen und Ärzte den
Unmut abfangen, die von dieser Maßnahme außer zusätzlicher
Bürokratie nun wirklich nichts hatten. Mit einem solchen Maß des
offenen Protestes haben aber auch wir nach den Großdemos gegen
Sozialabbau im Frühjahr in absehbarer Zeit nicht gerechnet. Mit
der Herausgabe der Fragebögen für die Beantragung des ALG II ist nun
das Fass zum Überlaufen gekommen. Im Unterschied zu vielen bequemen
Erklärungsmustern von PolitikerInnen anderer Parteien und mancher
Medien sage ich hier ganz deutlich: Die PDS hat den Protest nicht
herbei reden können. Dann wäre er schon 2002 entstanden, bevor Hartz
IV im Bundestag verabschiedet wurde. Nein, jetzt ist der Protest
entstanden als viele Betroffene und auch nicht direkt Betroffene
gemerkt haben, was da eigentlich auf sie zukommt. Darum ist es
auch dumm und arrogant zu behaupten, die Leute hätten sich nur
beschwatzen lassen und man müsse ihnen die Segnungen des ALG II nur
richtig erklären. Und wenn wie in der vergangenen Woche Gregor Gysi
auf drei Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt einen riesengroßen
Applaus erhielt, dann nicht, weil er die Leute beschwatzt hätte,
sondern weil er als Person und als Repräsentant der PDS für eine
Partei steht, die seit Jahren konsequent Kritik an der sozialen
Abbruchpolitik der Bundesregierung geübt hat.
Nun wird der PDS vorgeworfen, auf billigen
Stimmenfang zu gehen in einer Zeit, da Reformen dringend notwendig
sind und Alternativen angeblich nicht möglich. Die PDS strebe eine
staatliche Fürsorgepolitik an, wolle für den Einzelnen die
bedingungslose soziale Hängematte und sei reformunfähig. Liebe
Genossinnen und Genossen, liebe Freunde, wenn man die Richtung einer
Reform kritisiert, verneint man noch lange nicht die Notwendigkeit
von Reformen. Natürlich ist es der PDS bewusst, dass die
sozialstaatlichen Regelungen des vergangenen Jahrhunderts angesichts
langfristiger und gravierender demografischer Veränderungen auf der
einen Seite und den Veränderungen der Produktivkräfte und daraus
erwachsenden Wandlungen in der Lebensweise und in Lebensbiografien
auf der anderen Seite sowie den damit zusammenhängenden Prozessen
der Globalisierung nicht mehr tragen und grundsätzliche Reformen
notwendig sind. Auf der Seite der Kapitalverwertung ist längst
darauf reagiert worden, die Großkonzerne, die Aktienmärkte haben
längst ihre Claims abgesteckt. Aber die Politik in Deutschland war
bisher unfähig, den Umbau des Sozialstaates so in Angriff zu nehmen,
dass er hinterher noch sozial genannt werden kann. Natürlich
versucht die sozialdemokratische Bundesregierung ihr Reformprogramm
genau als das zu verkaufen, aber die Leute merken eben heute, dass
es eine Mogelpackung ist. Während die großen Kapitale der Wirtschaft
und die großen Einkommen in den letzten Jahren bereits
Steuererleichterungen realisieren konnten, haben klein und
mittelständische Unternehmen, untere und mittlere Einkommensgruppen
von alledem nichts gehabt. Im Gegenteil, die Belastungen bei ihnen
sind in der Summe gewachsen, wie zum Beispiel durch die
Gesundheitsreform, die bislang noch zu keiner merklichen Absenkung
der Beiträge geführt hat.
Unternommen wurde der ganze Schmu aber um
Arbeitgeberanteile zu senken und so Anreize für neue Investitionen
und Arbeitsplätze zu schaffen. Indes ist längst offensichtlich,
alle Steuergeschenke schaffen keine Arbeitsplätze, sondern höchstens
höhere Sparkonten bei den Wohlhabenden - oft im Ausland, um hier
Steuern zu sparen, oder dickere Aktienpakete. Nachdem dieser Coup so
gründlich in die Hose geht und die Arbeitslosenzahlen, wenn sie sich
überhaupt bewegen, nur über der vier Millionengrenze schwanken, muss
nun nach unten nachgeregelt werden. Der ganze Sozialstaat wird
scheinbar zu teuer, also muss Druck ausgeübt werden. Druck auf die
Einkommen, Druck auf die Tarifautonomie, Druck auf die Wochen- und
Lebensarbeitszeit, Druck auf die Menschen, die seit Jahren keinen
vernünftigen Arbeitsplatz finden. So, liebe Genossinnen und
Freunde, bewegt sich die Spirale von Wirkung und Gegenwirkung immer
weiter nach unten. Teufelskreis nennt man das. Und wenn vor wenigen
Wochen gemeldet wurde, dass BMW Rekordgewinne erzielt und überhaupt
keine Absatzprobleme hat, aber Karstadt Filialen schließt, dann ist
das genau Ausdruck dieser Schieflage, die die Bundesregierung
eigentlich beheben wollte. Und Karstadt ist kein ganz kleiner
Konzern, was sollen die vielen kleinen Händler erst sagen. Eines
wird nämlich dabei vergessen: je mehr Einkommensverlust bei denen
mit kleinen Einkommen zu verzeichnen ist, desto weniger kann auch
umgesetzt werden. Das aber ist nicht nur die Grundlage für die
Existenz vieler kleiner und mittlerer Unternehmen des Handels, des
Dienstleistungsbereiches, des Handwerks und jenes verarbeitenden
Gewerbes, wo vor allem für den Binnenmarkt gearbeitet wird. Das ist
auch die Grundlage eines beträchtlichen Teils der Steuereinnahmen
und damit der Mittel der öffentlichen Hand, der Einzahlungen in die
Sozialsysteme und so fort.
Man wirft der PDS immer vor, sie habe keinen
wirtschaftlichen Sachverstand. Aber diese Zusammenhänge erkennen wir
schon, dass es der Bundesrepublik Deutschland nicht an Exportkraft,
sondern an Binnenkaufkraft mangelt. Und die wird eben nicht
angekurbelt, wenn Siemens oder Familie Albrecht noch weniger Steuern
zahlen, sondern wenn die kleinen Leute mehr im Portmonee haben. So
einfach ist das.
Aber es ist noch etwas anderes, was die Leute auf
die Straße treibt:
Es ist die Art, wie mit der Existenznot umgegangen
wird. Nein, es wird keiner verhungern. Aber die Gewährung von
Sozialleistungen wird an eine entwürdigende Bittstellerei geknüpft.
Das war bislang schon für SozialhilfeempfängerInnen so, es wird
nun Millionen mehr treffen. Es mag den einen oder die andere geben,
die sich auf Leistungen des Staates verlassen, aber nahezu alle, die
im Osten ohne Arbeit sind, wollen welche haben und sind seit Jahren
erfolglos auf der Suche. Wenn ein Drittel der Betroffenen besser
oder aber nicht schlechter gestellt sein soll, dann heißt das im
Klartext, zwei Dritteln wird es schlechter gehen. Natürlich wissen
wir, dass Sozialhilfeempfänger besser gestellt sein werden, nicht so
sehr finanziell, sondern mehr im Angebot von Vermittlungsleistungen
und Qualifizierung. Das betrifft übrigens nicht wenige, die versucht
haben, eine Existenz in der Selbständigkeit aufzubauen und aufgeben
mussten. Wir wissen das sehr gut. Aber das negiert doch nicht
die Probleme derer, die künftig noch früher auf das
Sozialhilfeniveau fallen werden oder vom auch nicht üppigen
Einkommen ihrer Partner leben müssen. Das betrifft etwa 1,8
Millionen Menschen in Deutschland, fast die Hälfte davon im Osten.
Damit ist auch klar, dass es sich um ein gesamtdeutsches Problem
handelt. Nur der Anteil der Betroffenen gemessen am
Bevölkerungsanteil ist im Osten um ein Vielfaches höher. Darum sind
diese Proteste gerade im Osten so groß. Medien und Politik sind
eifrig bemüht, nachzuweisen wie unberechtigt das ist und wie
undankbar die Ossis sind. So hat sich das Morgenmagazin mal eine
durchschnittliche deutsche Stadt herausgesucht - Amberg in der
Südpfalz - wo es, man höre und staune, gar keine Proteste gibt.
Amberg hat 9% Arbeitslosigkeit. Neun Prozent - wie wären wir in
Sachsen-Anhalt doch froh, Durchschnitt zu sein!
Scheinbar ficht dieser ganze Protest die Regierenden
nicht an - er findet ja auch "nur" im Osten statt. Aber irgendwie
hat der Kanzler offensichtlich doch Nerven gezeigt: beim Geburtstag
des Gewerkschafts-Urgesteins, Ernst Breit, sagte er, es sei schön,
so viele Gewerkschafter zu sehen und es sei keine Demo. Dennoch
wird von der SPD und auch von Teilen der CDU geradezu
gebetsmühlenartig wiederholt: Man müsse jetzt bei der Stange
bleiben, alles besser erklären, aber an den Reformen führe kein Weg
vorbei, weiteren Veränderungsbedarf sehe man nicht. Und dann ist
da noch die Sache mit den 1€-Jobs. 38 000 davon soll es allein in
Sachsen-Anhalt geben, so Herr Rehberger. 38 000 1€-Jobs sind 38 000
potenzielle Arbeitsplätze. Wenn die Landesregierung ihre Kraft
darauf verwendete, darüber nachzudenken, wie aus dieser
offensichtlich vorhandenen Arbeit feste Arbeitsplätze gemacht werden
könnten, zum Beispiel in einem öffentlich geförderten
Beschäftigungssektor, dann ergäbe das eine Senkung der
Arbeitslosenzahlen in Sachsen-Anhalt auf 17,7 Prozent. Ich weiß,
dass auch hier der Teufel im Detail steckt, aber auf diese Teufelei
ließe ich mich gerne ein. Das wäre doch etwas. Wenigstens ein
spürbarer Schritt in die richtige Richtung.
Schließlich wird der PDS immer vorgeworfen, sie habe
keine Alternativen. Nun ist die Tatsache, dass CDU und SPD mit der
FDP und den Grünen über weite Strecken einer Meinung sind, noch kein
Beleg dafür, dass es keine Alternativen gibt. Die PDS hat als
einzige Partei grundsätzliche Alternativen zur Gesundheits- und
Rentenreform, auch zu Hartz IV auf den Tisch gelegt. Insbesondere
unsere in Sachsen-Anhalt auf der Pressekonferenz vorgelegten
Mindestforderungen, die nur Schadensbegrenzung sind, noch nicht
mehr, werden von Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden mit
Interesse aufgenommen. Der Fraktionsvorsitzende der Landtagsfraktion
wird dazu nachher ausführlicher sprechen.
Liebe Genossinnen und Genossen, wir haben mit diesen
Mindestforderungen und dem grundsätzlich anderen Ansatz zu Hartz IV
wie auch mit unserem Rentenkonzept und gesundheitspolitischen
Forderungen zur Zeit ein Alleinstellungsmerkmal in der Gesellschaft.
Die "Agenda sozial" ist eine Alternative zur "Agenda
2010". ¢ Auch unsere Reformvorschläge sind Vorschläge eines
Systemwechsels. ¢ Auch mit unseren Reformvorschlägen werden
nicht alle Besitzstände zementiert. ¢ Auch unsere
Reformvorschläge sind für manchen unbequem.
Aber: Während andere den sozialen Ausgleich nur über
die vermeintliche Solidarität zwischen den unteren Einkommensgruppen
einfordern und damit die Armen noch ärmer machen, wogegen die großen
Einkommen ungeschoren davon kommen oder gar entlastet werden, setzen
wir auf die Solidarität aller in dieser Gesellschaft.
Das ist gerecht, nicht was die Bundesregierung
derzeit betreibt.
Liebe Genossinnen und liebe Genossen, der
Populismusvorwurf trifft uns nicht, es ist vielmehr der verzweifelte
Versuch eine offensichtlich gescheiterte Politik zu verteidigen.
Ich will daran erinnern, dass die PDS nicht erst seit Ende Juli
in den Umfragen zulegt, sondern bereits seit dem Frühjahr, was im
Frühsommer mit den Wahlergebnissen zu den Europa- und Kommunalwahlen
bestätigt wurde.
Auch die PDS in Sachsen-Anhalt hat zu diesem Erfolg
beigetragen. Nicht nur, dass es uns gelungen ist, mit deutlich
mehr Kandidatinnen und Kandidaten anzutreten und auch mehr
Parteilose bereit waren auf unseren offenen Listen zu kandidieren,
wir haben auch prozentual das beste Wahlergebnis in der Geschichte
der Landes-PDS erzielen können.
Dieses Ergebnis ist nicht nur mit Wahlkampf zu
erreichen, sondern nur durch jahrelange überzeugende, ideenreiche
und konsequente politische Arbeit. Darum ist dafür all jenen zu
danken, die in den letzen Jahren trotz manchmal nicht einfacher
Arbeitsbedingungen eine gute Politik vor Ort gemacht haben.
Es hat sich als richtig erwiesen, dass die PDS sich
darauf konzentriert hat, die konkreten Interessen und Bedürfnisse
der Menschen in den Städten und Gemeinden zum Ausgangspunkt für
unsere politischen Vorschläge zu machen und auf dieser Grundlage
sozial gerechte Politik zu gestalten. Mit den guten
Wahlergebnissen, die dazu geführt haben, dass wir landesweit die
zweitstärkste Kraft sind und in einigen Städten, darunter in
Magdeburg stärkste Fraktion sind, sind Herausforderungen neuer Art
verbunden. Unsere politischen Vorschläge werden mehr denn je auf
Herz und Nieren geprüft werden, nicht nur von den anderen Parteien,
denen der Aufwind der PDS derzeit die Nackenhaare in die Höhe treibt
und die sie mitunter zu längst überwunden geglaubten Mitteln der
Denunziation greifen lässt, sondern auch von Vereinen und Verbänden
und vor allem von Wählerinnen und Wählern. Eine Politik leerer
Versprechen wird von der PDS in Sachsen-Anhalt seit Jahren nicht
mehr betrieben, das Lehrgeld haben wir längst bezahlt.
Aber eines muss uns auch klar sein: wir brauchten
ein noch höheres Maß an Konstruktivität und Professionalität als
Maßstab für unsere Arbeit. Darum kommt es darauf an, unser Profil,
unsere Ausstrahlungskraft dafür weiter zu stärken. Wir brauchen
ein klares und überzeugendes Konzept für eine erfolgreiche
Entwicklung des Landes Sachsen-Anhalt, das von den realen Potenzen
dieses Landes ausgeht und sie zielgerichtet ausgestaltet. Dafür
kann der von Matthias Höhn vorgestellte Leitantrag, an dem eine
ganze Reihe von Genossinnen mitgearbeitet hat, eine gute Grundlage
bieten.
Bis zur Landtagswahl 2006 ist es scheinbar noch eine
ganze Weile hin, aber die Weichen werden jetzt gestellt. Und darum
ist es bei allen berechtigten Höhenflügen angebracht, gerade jetzt
einen kritischen Blick auf uns selbst zu richten.
Die Wahlerfolge des Juni dürfen nicht darüber hinweg
täuschen, dass es auch der PDS nicht gelungen ist, die absoluten
Stimmenzahlen der beiden vorangegangenen Bundestagswahlen wieder zu
erreichen. Hinzu kommt, dass die Wahlentscheidungen immer später
erfolgen, als die Zahl der überzeugten Stammwähler bei allen
Parteien geringer geworden ist. So haben sich 59 Prozent der
PDS-Wähler erst in den letzten Tagen vor der Wahl entschieden, PDS
zu wählen.
Also müssen wir jetzt schon unsere Anstrengungen
darauf richten, die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes davon zu
überzeugen, dass es Sinn macht, 2006 PDS zu wählen, erst im Land,
dann aber auch im Bund. Denn wenn sich CDU und SPD sowie FDP und
Grüne, obgleich sie gar nicht gemeinsam regieren, in der Praxis wie
eine hypergroße Koalition verhalten, dann gibt es eben heute außer
zwei Frauen von der PDS, denen nicht einmal ein Gruppenstatus
zugestanden wird, keine wirksame Opposition im Deutschen Bundestag.
Und da gehört eine hin und zwar eine linke, eine sozialistische.
Dann haben im höchsten Parlament dieses Landes auch die Menschen
eine bessere Vertretung, die von der Politik derzeit verraten und
verkauft werden. Petra und Gesine an dieser Stelle ein
herzliches Dankeschön und das Versprechen, wir tun alles uns
Mögliche, dass ihr spätestens 2006 Verstärkung bekommt.
Dazu ist nicht nur erforderlich, dass wir die im
letzen Jahr erarbeiteten und weiterentwickelten politischen
Alternativen der "Agenda sozial" gemeinsam vertreten, sondern auch
dass wir im Miteinander verlässlicher sind.
Das erfordert nicht nur ein gemeinsames inhaltliches
Auftreten, sondern auch ein einheitliches optisches. So haben
wir uns zwar im Dezember des vergangnen Jahres auf gemeinsame
inhaltliches Grundaussagen für die Kommunalwahlen verständigt, aber
in den Kommunalwahlprogrammen und Flyern spiegelten sie sich nur
sporadisch wieder. Wir haben uns auch auf ein einheitliches
Outfit unserer Flyer verständigt, aber ganze Regionen sind danach
ausgeschert. Auch die zusätzlichen Wahlkreis-Flyer hatten mitunter
mit dem Outfit der PDS nicht viel zu tun.
Offensichtlich setzen einige Kreisverbände eher auf
bunte Vielfalt statt auf ein gemeinsames Erscheinungsbild. Wir sind
aber nicht eine Interessenvereinigung ansonsten autonomer
Kreisverbände, sondern ein Landesverband einer bundesweiten Partei.
Das muss bei allem notwendigen Eingehen auf konkrete Situationen vor
Ort immer im Blick bleiben. Erkennbarkeit in der Politik muss
mit äußerer Erkennbarkeit einhergehen. Das gehört zum Einmaleins und
zur Professionalität politischer Arbeit. Und es gehört
Verlässlichkeit dazu. Eigentlich sollte an dieser Stelle eine
solide Wahlkampfauswertung folgen. Nun haben wir nicht nur den
Schwerpunkt unseres Landesparteitages angesichts der öffentlichen
Debatten des letzten halben Jahres und der aktuellen Ereignisse
verändert, es ist auch nicht ganz leicht, eine solide
Wahlkampfanalyse vorzulegen, wenn aus 10 von 24 Kreisen, darunter
von den beiden Großstädten, Halle und Magdeburg, keine Zuarbeit
kommt. Wir haben uns darum einschieden, die bereits im Juli
entstandenen Wahleinschätzungen von Martin Reso und André Brie für
die Delegierten auszulegen und müssen die notwendige Auswertung mit
Blick auf die Vorbereitung kommender Wahlkämpfe auf einen nach
diesem Parteitag geplanten Workshop vertagen.
Liebe Genossinnen und Liebe Genossen, in den
kommenden Wochen und Monaten liegt viel Arbeit vor uns. Der
Landesvorstand wird noch im Herbst das neue Landeswahlbüro berufen
und ich bin froh, dass der alte Wahlkampfleiter wieder zur Verfügung
stehen wird wie auch weitere Mitglieder des Landeswahlbüros, denen
ich für ihre Arbeit herzlich danke.
Bis zum Jahresende soll es einen Entwurf für eine
Wahlstrategie geben, die wir natürlich ausführlich mit den Kreisen
beraten wollen.
Auch wenn wir die neuen Arbeitsmarktgesetze in der
vorliegenden Form grundsätzlich ablehnen: Mindestens bis zum
Frühjahr des kommenden Jahres werden uns die aktuellen Folgen von
Hartz IV begleiten und wir werden gefordert sein, auf die konkreten
Sorgen und Nöte der betroffenen Menschen mit Sachverstand und
Kompetenz einzugehen, insbesondere die Umsetzung aufmerksam und
kritisch zu begleiten und sie nicht einfach der Exekutive
überlassen. Das erfordert politisches Agieren auf allen Ebenen.
Daneben werden wir als Bundespartei weiter an der
Qualifizierung unserer grundsätzlichen Alternativen arbeiten. So
wird die PDS noch im September ihr Steuerkonzept vorstellen.
In Sachsen-Anhalt kommt weiter die Begleitung des
ersten Volksentscheides in der Geschichte diese Landes auf uns zu.
Auch da sind Ideenreichtum und Überzeugungskraft gefragt, damit die
Bürgerinnen und Bürger dieses Mitentscheidungsrecht auch in der
erforderlichen Höhe in Anspruch nehmen und die Hürden für den Erfolg
dieses Entscheides sind nicht gering.
Und schließlich dürfen wir nicht nachlassen, unseren
eigenen Laden in Ordnung zu bringen und so umzubauen, dass er die
gewachsenen Aufgaben bei vielerorts geringer werdenden Kräften auch
erfüllen kann.
Das heißt Mitglieder gewinnen, die sich in Politik
einbringen wollen und können und die Arbeitsstrukturen so effektiv
wie möglich zu gestalten.
Es bleibt dabei: Wir sind als Partei des
demokratischen Sozialismus angetreten, eine sozial gerechtere
Politik einzufordern und zu gestalten.
Darauf müssen wir unsere ganze Kraft konzentrieren
und dafür wollen wir mehr aktive MitstreiterInnen gewinnen.
Kleiner ist der Erfolg nicht zu haben.
Dazu wünschen wir den Landesverbänden in Sachsen und
Brandenburg in der nächsten Woche viel Erfolg und wir gehen heute
mit diesem Landesparteitag an die Arbeit.
(Es gilt das gesprochene Wort)
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