2.Tagung des 8.Landesparteitages 11.September
2004, Kulturhaus Leuna Reden
Landtag von Sachsen-Anhalt Fraktion der PDS Wulf Gallert,
Fraktionsvorsitzender
Rede zum Landesparteitag der PDS am 11. September 2004
Liebe GenossInnen, werte Gäste und Vertreter der
Medien,
dieser Landesparteitag dient dazu, die Landespartei
für den Weg zu den Wahlen im Jahre 2006 inhaltlich und
organisatorisch fit zu machen. Dies ist wichtig und richtig. Wir
müssen diese Phase der politischen Stärke der PDS dazu nutzen, einen
neuen Qualitätssprung zu erreichen, nur dann kann es uns gelingen,
wieder Druck auf das politische System der Bundesrepublik auszuüben,
das in seinem neoliberalen Grundkonsens verfangen ist.
Zur inhaltlichen und organisatorischen Erneuerung
unserer Partei gehört jedoch auch eine Analyse der politischen
Situation in unserem Land Sachsen-Anhalt. Für jeden nüchternen
Beobachter ist dabei klar, dass die massiven Proteste der letzten
Wochen, als auch die Erfolge der PDS bei den Kommunal- und
Europawahlen, die politische Auseinandersetzungen dominieren. Dies
festzustellen ist besonders deshalb wichtig, weil es immer wieder
Versuche gibt, die Bedeutung dieser Tatsache für das politische
Agieren aller relevanten Kräfte herunter zu spielen.
Um es auch hier noch einmal ganz deutlich zu sagen,
sowohl die Proteste der letzten Wochen, als auch die zentrale
Zielstellung der PDS richten sich auf eine Kritik von
Reichtumsumverteilung von unten nach oben, also gegen die soziale
Polarisierung dieser Gesellschaft. Über diese Tatsache darf auch
nicht hinweg täuschen, dass viele Forderungen, die in den letzten
Wochen erhoben worden sind, nicht originäre PDS-Positionen sind. Wir
haben die Selbstorganisation der Betroffenen von Sozialabbau und
Deregulierung immer gewollt, nun dürfen wir jetzt, wo eine solche
Selbstorganisation stattgefunden hat, nicht die Positionen der PDS
in ihrer Gesamtheit als Maßstab zur Bewertung der Proteste
heranziehen.
Trotzdem oder besser gerade deswegen, kommt uns als
politische Partei eine besondere Funktion innerhalb dieser
Protestbewegung zu. Unsere Aufgabe muss es sein, politische
Zielstellungen und Alternativen zu formulieren, die dem auf Abwehr
und Verhinderung gerichteten Protest eine politische Stossrichtung
verleiht, die die große Koalition der Agenda 2010 wirklich unter
Druck setzt.
Dazu haben wir im August in Abstimmung mit dem
Bundesvorstand einen Forderungskatalog entwickelt, der das Konzept
der sozialen Grundsicherung für Arbeitslose grob umschreibt. Uns war
dabei wichtig, wenige zentrale Forderungen in den Mittelpunkt zu
stellen und dafür auf Vollständigkeit zu verzichten sowie Angebote
zu unterbreiten, die Akzeptanz über die Grenzen der PDS hinaus
erringen können und als realitätsnah eingestuft werden. Das heißt,
wir haben in dieser Situation nicht das Interesse der PDS, sondern
die Wirkung solcher Vorschläge im Interesse der Betroffenen in den
Mittelpunkt gestellt. Dazu zählen für uns die sofortige Anhebung des
Regelsatzes für Sozialhilfe auf 400 Euro ohne Anrechnung des
Kindergeldes, ein Freibetrag für das Einkommen des Lebenspartners
von 1000 Euro, die Vermögensanrechnungen aus dem
Arbeitslosenhilferecht vor dem 01. Januar 2003 sowie die gesetzliche
Festlegung eines Mindestlohnes. Darüber hinaus brauchen wir auch in
diesem System verbesserte Übergangsfristen für
Arbeitslosenhilfeempfänger mit höherem Einkommen. Die Übernahme der
Wohnungskosten müssen vor Ort sozial ausgewogen geregelt werden, um
Konzentrationsprozesse sozialer Problemlagen zu vermeiden.
Liebe GenossInnen, lasst mich nun auf einen dieser
Punkte genauer eingehen, der gesetzlichen Fixierung eines
Mindestlohnes: Vor allem die Ankündigung der massenhaften
Ausdehnung von 1-Euro-Jobs als faktischer Ersatz der früheren ABM
und SAM bewegt vollkommen zu Recht viele Menschen in Sachsen-Anhalt.
Zum einen haben wir es mit der substanziellen Einschränkung von
Persönlichkeitsrechten bei den betroffenen Hilfeempfängern zu tun,
die mit diesem System faktisch zu jeder Arbeit gezwungen werden
können. Jenseits aller finanziellen Probleme wird hier das
Selbstwertgefühl der Menschen, ja letztlich ihre Würde, empfindlich
verletzt, zumal es nach den derzeitigen Regularien genau nicht zu
erwarten ist, dass die Betroffenen jemals wieder eine Chance haben,
aus der Mühle des ALG II herauszukommen.
Aber auch die ökonomischen Auswirkungen sind in
hohem Maße kontraproduktiv. Bereits jetzt ist klar, dass das
massenhafte Angebot von 1-Euro-Jobs die Trennung zum sogenannten 1.
Arbeitsmarkt faktisch unmöglich macht. In den letzten Tagen sind wir
Zeuge geworden, wie die Ausdehnung von Einsatzmöglichkeiten der
1-Euro-Jobs auch auf private Arbeitgeber angekündigt wurde.
Sicherlich werden wir in den Kommunen versuchen, die Verdrängung von
regulären Beschäftigungsverhältnissen durch 1-Euro-Jobs zu
verhindern. Die Rahmenbedingungen dazu scheinen jedoch immer
schlechter zu werden. Dabei sind diese angekündigten Arbeitsangebote
noch nicht einmal eine wirkliche Entlastung für die öffentlichen
Haushalte. Vergleicht man einmal die Ausgaben der öffentlichen Hand
zwischen einem alleinstehenden ALG II-Empfänger mit einem 1-Euro-Job
mit einem Vollbeschäftigten mit einem Mindestlohn von 7,50 Euro, so
kommt man bei einer Musterrechnung zwar noch auf einen
Kostengegensatz von rund 1000 zu 1600 Euro.
Schaut man sich jedoch diese Differenz genauer
an, so stellt man fest, dass der größte Teil dieser Differenz
dadurch zustande kommt, dass bei dem regulären
Beschäftigungsverhältnis zum einen Lohnsteuer gezahlt werden, die
wieder den öffentlichen Kassen zugute kommen, als auch die
Zuführungen zu den sozialen Sicherungssystemen bedeutend höher sind
und den realen Kosten für Krankenversicherung und Rente viel näher
kommen als beim ALG II-Empfänger, dessen sehr geringe Zuführungen
zur Rentenversicherung sinken keinesfalls die Finanzierung eines
Mindestniveaus im Alter, was letztlich dazu führen wird, dass die
öffentliche Hand wiederum Zuschüsse an die sozialen
Sicherungssysteme abzuführen hat, um diese Defizite auszugleichen.
Der wirkliche Unterschied aus dieser Gesamtrechnung zwischen einem
Mindestlohnempfänger und dem 1-Euro-Job beträgt zwischen 100 und 250
Euro aus der öffentlichen Hand.
Warum ist dieser Staat nicht dazu in der Lage, dem
Menschen ihre Würde und ihre Selbstbestimmung zu lassen und dafür
Mehraufwendungen von 10 bis 15 Prozent zu tragen? Warum spielt in
dieser Gesellschaft die Sicht der Betroffenen keine Rolle mehr?
Natürlich muss auch die PDS neu über Gestaltung von
Arbeitswelt nachdenken. Die oftmals beklagte Höhe der
Lohnnebenkosten und die damit künstlich verbundene Verteuerung
lebendiger Arbeit im bundesdeutschen Steuer- und Abgabensystem ist
ein reales Problem. Auch davor können wir die Augen nicht
verschließen. Die Diskussion um die Wertschöpfungsabgabe, die genau
diesen Punkt aufgreift, und die Kosten für die sozialen
Sicherungssysteme an die Wertschöpfung und nicht an die Quantität
der lebendigen Arbeit bindet, ist die Antwort der PDS auf diese
Frage. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle eine Anregung geben,
sich auch diesbezüglich neuen Diskussionen zu öffnen. Das in der
Magdeburger Universität entwickelte Konzept von Prof. Weimann zur
Übernahme der Abführungen an soziale Sicherungssysteme durch die
öffentliche Hand im unteren Tarifbereich schreckt viele von uns erst
einmal ab, weil sich die PDS immer gegen Kombilohn-Modelle
ausgesprochen hat. Aber liebe GenossInnen, was ist eigentlich die
Übernahme dieser Lohnnebenkostenbestandteile durch die öffentliche
Hand, anderes als unsere Wertschöpfungsabgabe, wenn die Steuergelder
dafür vorher durch Gewinnbesteuerung von Unternehmen in die
öffentlichen Kassen geholt werden? Insofern glaube ich durchaus,
dass diese Überlegungen Chancen für eine neue Diskussion zur
Gestaltung der Arbeitswelt eröffnen können, jenseits neoliberaler
Abbau- und Kürzungslogik.
Die PDS-Landtagsfraktion hat in den letzten
zweieinhalb Monaten versucht, den Entscheidungsträgern vor Ort Hilfe
und Unterstützung anzubieten. In Koordinierung mit der Arbeitsgruppe
des Landesverbandes hat die Fraktion eine Arbeitsgruppe zur
Auseinandersetzung mit Hartz IV, bestehend aus Birke Bull, Sabine
Dirlich, Gerald Grünert sowie Dr. Thomas Pflüger und Dr. Jutta
Hildebrand, gebildet. Vor allem mit der am 22. September beginnenden
Hartz-Tour wollen wir unsere Kompetenz in dieser Auseinandersetzung
erweitern und unsere alternativen Vorstellungen erläutern.
Natürlich hat auch die Landtagsfraktion in dieser
Zeit der bundespolitisch geprägten Auseinandersetzungen ihre Kräfte
darauf zu konzentrieren. Daneben dürfen wir jedoch nicht aus dem
Auge verlieren, dass unser eigentlicher politischer Kontrahent eine
CDU-FDP-Landesregierung ist. Dies ist deswegen objektiv schwierig,
weil sich die Proteste zur Zeit vollkommen richtig gegen eine
SPD-Grünen-Bundesregierung richten. Trotzdem ist und bleibt
festzuhalten, dass diese Landesregierung die zentralen Strategien
der Agenda 2010 inhaltlich absolut mitträgt und sich auch der Herr
Ministerpräsident in die CDU-Parteidisziplin einbinden lässt.
Liebe GenossInnen, lasst mich einiges zur Situation der
Koalition sagen:
Charakteristisch dafür ist auch hier wieder ihr
Verhalten zu den aktuellen Auseinandersetzungen. Während sich im
letzten Jahr die Landesregierung an keiner Stelle mit der Struktur
und den Auswirkungen der Hartz-Gesetze auseinandergesetzt hat, und
im Dezember 2003 wie alle Länder, außer Mecklenburg-Vorpommern und
Berlin, dieser Reform zugestimmt hat, bekamen die Herren Böhmer und
Rehberger nach den Wahlerfolgen der PDS im Juni dieses Jahres kalte
Füße. Mit sorgenvoller Mine konstatiere Herr Böhmer den zu
erwartenden Kaufkraftverlust, Herr Rehberger sprach von
katastrophalen Fehlern und Anfang Juli stimmt man sogar ganz mutig
im Bundesrat gegen das Optionsmodell und zwar mit Argumenten, die
eigentlich eine Ablehnung des gesamten Gesetzes im Dezember 2003
begründet hätten. Als dann mitten im Hochsommer die ersten
Demonstrationen auf der Straße stattfanden, begeisterte sich Herr
Böhmer sogar für die Idee, die letzte Stufe der Absenkung des
Spitzensteuersatzes ausfallen zu lassen. Ist er uns nicht
sympathisch, unser Landesvater? Aber was passierte dann, ab Mitte
August? Die politische Auseinandersetzung auf der Straße nahm immer
deutlichere Konturen an, der PDS bescheinigt man ein Stimmungshoch.
Die grundsätzliche Kritik an Hartz IV drohte plötzlich etwas
bewirken zu können. Schlagartig bekam Herr Böhmer Angst vor der
eigenen Courage und reihte sich wieder in die Parteilinie der CDU
ein.
Dieser kurze Rückblick ist deswegen wichtig, weil er
charakteristisch die Situation der Koalition beschreibt. Es ist
weder eine Struktur noch ein Ziel zu erkennen. Man versucht sich, je
nach politischer Stimmungslage durchzuwurschteln und macht dabei
zusätzlich immense handwerklich Fehler. Zwei Jahre nach der Wahl
muss diese Koalition eingestehen, dass ihre beiden zentralen
Zielstellungen, Haushaltskonsolidierung und Wirtschaftsaufschwung,
weder mit den von ihnen eingesetzten Mitteln noch in den
neoliberalen Rahmenbedingungen der Bundespolitik zu erreichen sind.
Diese Sinnkrise wird mit dem vorgelegten Doppelhaushalt erneut unter
Beweis gestellt. Aber liebe GenossInnen, das heißt noch nicht, dass
die Menschen in Sachsen-Anhalt uns deshalb die Lösung der Probleme
zutrauen. Dafür brauchen wir einen Qualitätssprung, der mit dem von
Matthias Höhn eingeführten Leitantrag vorbereitet werden kann.
Liebe GenossInnnen, lasst mich noch einige wenige
Sätze zum Verhältnis PDS und SPD sagen. Obwohl dies für
Landespolitik zur Zeit ziemlich uninteressant, bewegt diese Frage
nachvollziehbar viele von uns. Jedenfalls bin ich auf dieses Problem
in den letzten Wochen am meisten angesprochen worden.
Um eins ganz klar festzustellen: Die SPD hat sich in
den neoliberalen Grundkonsens der Bundesrepublik eingeordnet. Dies
trifft leider zur Zeit auch auf die Landespartei in Sachsen-Anhalt
zu. Durch eine solche Politik werden jedoch gerade diejenigen zu
Verlierern, die das eigentliche Wählerpotenzial der SPD sind und
deren Vorstellungen sich vielfach von denen der PDS-Wähler nicht
wesentlich unterscheiden. Die Konsequenz hat die SPD im Saarland
zu spüren bekommen und es wird sich am nächsten Sonntag in
Brandenburg und Sachsen fortsetzen, wobei ich hier die Gelegenheit
nutzen möchte, unseren GenossInnen in diesen beiden Ländern,
insbesondere Dagmar Enkelmann und Peter Porsch, dem unsere ganze
Solidarität gehört, alles Gute zu wünschen. Dieser Verlust der
Wähler der SPD unterscheidet jedoch die Situation der
Sozialdemokraten von der CDU und besonders den beiden Parteien der
Besserverdienenden, FDP und Grüne. Dies bedeutet nun wiederum, dass
eine politische Ausrichtung der SPD an der CDU vor allem im Osten in
die Sackgasse führt, wie der Kollege Matschi in Thüringen
eindrucksvoll bewies. Wenn die SPD vor allem im Osten überleben
will, kann sie auf die Dauer an diesen Tatsachen nicht vorbei und
wird ihren Kurs ändern müssen. Diese Situation vorauszusehen und
darauf vorbereitet zu sein, scheint mir wichtig. Nicht nur deshalb,
weil sich dann später vielleicht Kooperationsmöglichkeiten ergeben,
vor allem weil wir es dann auch wieder mit einer viel stärkeren
Konkurrenz um linke Wählerpotenziale zu tun haben werden.
Daneben hat das Verhältnis von PDS und SPD auch eine
historische Dimension. Wir werden zur Zeit Zeuge des substanziellen
Erstarkens rechtsradikaler Kräfte. Eine solche Situation gab es in
Deutschland vor mehr 70 Jahren auch und damals haben zwei
Arbeiterparteien einen entscheidenden Fehler gemacht. Diese
Situation darf sich nicht wiederholen. Deswegen liebe GenossInnen,
plädiere ich dafür, dass wir in unserer Situation der Stärke auf die
aggressiven Äußerungen einiger SPD-Funktionäre gegen die PDS nicht
in gleicher Art und Weise reagieren. Die Bewertung der PDS durch
SPD-Mitglieder scheint mir zur Zeit eher ein Ventil eigener
Verzweiflung zu sein. Irgendwann werden sie jedoch erkennen müssen,
dass nicht die PDS, sondern ihre eigene Politik dafür gesorgt hat,
dass die Leute gegen sie auf die Straße gehen. Der Vergleich von
Pfarrer Schorlemmer mit bestimmten Schuldzuweisungen zu DDR-Zeiten,
kann für den einen oder anderen durchaus erhellend sein.
Am Ende meiner Rede will ich jedoch noch einmal auf
den Kern unseres Parteitages zurückkommen. Liebe GenossInnen, lasst
uns bei allen Erfolgen, die wir zur Zeit haben und die wir uns auch
verdient haben, den Fokus hier und heute auf die Dinge richten, die
wir an uns zu verändern haben, um politisch auch weiterhin
erfolgreich zu sein. In diesem Sinne wünsche ich unserem Parteitag
einen erfolgreichen Verlauf.
|