Sind die fehlenden Störche
schuld?
Dem Ministerpräsidenten
ist Dank zu sagen. So wesentlich besser als er hätte selbst ein renommiertes
soziologisches Institut die Lage nicht beschreiben können.
Die Zahl der Menschen im
Lande schrumpft. Stimmt. Weniger Kinder. Stimmt. Weniger Ausbildungsplätze.
Stimmt. Weniger Arbeitsplätze. Stimmt. Der Ministerpräsident
nimmt es hin wie höhere Gewalt. Da war doch noch was? "Papi soll hier
Arbeit finden." Schon vergessen? War ein Wahlplakat der hiesigen CDU. Und
nun? Wo bleiben denn die viel beschworenen Investoren, die Ausbildung und
Arbeit mitbringen?
Die Herren Böhmer und
Rehberger schwärmen doch geradezu von erfolgreicher Ansiedlungspolitik,
aber was spüren wir davon? Offensichtlich kocht auch eine CDU-Regierung
nur mit Wasser. Ein bisschen klingt darum das, was Herr Böhmer anbietet,
wie das berühmte Pfeifen im Walde. Ein Ausweg: die Zuwanderung. Doch
bei ihm klingt diese Alternative wie eine Drohung.
Polemik alleine hilft nicht,
wiewohl sie manchmal aufweckt. Denn außer Appellen an die Verantwortung
der Familien hat der Ministerpräsident eben nichts anzubieten. Im
Gegenteil, anderthalb Jahre nach der Amtsübernahme legte er den zweiten
Haushalt vor, der nur geeignet ist, die dramatische Situation zu zementieren.
Blicken wir der Realität ins Auge. Der Ministerpräsident will
erklärter Weise über die Zukunft des Landes debattieren. Öffentlich.
Und eigentlich lobenswert.
Nur vergisst er zu sagen,
wohin die Reise aus seiner Sicht gehen soll. Er antwortet nicht auf die
Frage, warum die Menschen gehen. Kinder werden geboren, wo Eltern für
sich und ihre Kinder eine Zukunft sehen. Das gilt derzeit bei vielen für
Sachsen-Anhalt nicht. Die Leute sind nicht faul, sie jammern nicht, sie
ziehen einfach ihre Konsequenzen und gehen weg. Für Appelle kann man
sich nichts kaufen, keinen Ausbildungsplatz und schon gar keinen Arbeitsplatz.
Chancen, Anreize für die Jugend bieten, das zieht.
Aber die Volksinitiative
"Für ein kinder- und jugendfreundliches Sachsen-Anhalt" diffamiert
der Ministerpräsident. Kindertagesstätten oder Theater - so seine
Logik. Schulstandorte werden wegfallen, und das nicht nur wegen zurückgehender
Kinderzahlen, sondern wegen der Verschärfung der Rahmenbedingungen.
Nicht Gegensteuern, sondern zusätzliche Hürden aufbauen, ist
das Grundmuster der Politik. Schulsozialarbeit, Jugendpauschale, Feststellenprogramm,
Musikschulfinanzierung. Sparen um jeden Preis.
Offensichtlich auch um den
der weiteren Abwanderung? Die Hochschulen sind bei Studenten nicht nur
aus Sachsen-Anhalt begehrter denn je, aber gerade jetzt sollen die Standorte
zurückgefahren werden. Die Hochschulen sind ein Zukunftspotenzial
für Jugend und Wirtschaft. Wie steht der Ministerpräsident zur
Ausbildungsplatzumlage? Wer nicht ausbildet soll zahlen, damit andere ausbilden
können. Das wäre doch eine klare Ansage.
Ein kleiner Schritt wäre
auch schon, Wirtschaftsförderung wenigstens an die Schaffung von Arbeitsplätzen
zu koppeln...
Wie aber meint Herr Böhmer,
zu mehr Kindern zu kommen? Einen Vorschlag gäbe es noch: Zu wenig
Störche hat das Land, war den Nachrichten zu entnehmen. Also: Wir
brauchen mehr Störche!
Rosemarie Hein
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