Landtag von Sachsen-Anhalt
Fraktion der PDS
Magdeburg, 8. September
2003
Ruinieren die Kindergärten die
Zukunft des Landes Sachsen-Anhalt?
Das Volksbegehren gegen das
neue Gesetz zur Kinderbetreuung lässt den Regierungschef dieses Landes
vor unangemessenem Anspruchsdenken und ruinöser Ausgabepolitik warnen.
Stellt sich also die Frage,
ob die Kinderbetreuung Sachsen-Anhalt ruiniert. Unsere Antwort ist:
Nein.
1. Ostdeutschland
ist weltweit eine der Regionen mit der geringsten Geburtenrate. Zur Zeit
werden nur halb so viel Kinder geboren, wie für eine stabile
Bevölkerungsentwicklung
notwendig wäre. Der Grund ist klar:
Kinder sind in Deutschland
das Armutsrisiko Nr. 1. Ebenso klar sind die Folgen:
Fehlende Kinder bedeutet
den Verlust an Zukunft, den Ruin des sozialen Sicherungssystems. Gegenstand
von Politik muss die Wahrnahme der gesellschaftlichen Verantwortung für
Kinder und Jugendliche, für Betreuung und Bildung sein.
2. Geld
für die Kinderbetreuung ist eine der wichtigsten Zukunftsinvestitionen.
Dies belegt auch ein Vergleich mit Ländern, die in den Studien zur
Leistungsfähigkeit von Elementar- und Sekundarstufenschülern
erfolgreich sind (Niederlande, Schweden, Finnland).
Diese Länder haben
ein gut ausgebautes System zur Vorschulförderung.
3. Die
Landesregierung bejammert zu recht die miserable Haushaltssituation in
Sachsen-Anhalt. Deshalb sollen 43 Millionen Euro pro Jahr (also rund 17
€ pro Einwohner) bei der Kinderbetreuung gespart werden.
Aber: Diese Misere hat Ursachen!
Bund und Länder haben
in den letzten Jahren riesige Steuergeschenke an die Großverdiener
und Großunternehmer beschlossen. Begründung war, dass damit
neue Investitionen und Arbeitsplätze finanziert werden sollten. Die
Wahrheit ist eine andere – die Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosigkeit
steigt. Würden diese Geschenke rückgängig gemacht werden,
könnte nicht nur die Kinderbetreuung bezahlt werden, sondern das Land
müsste auch kaum noch neue Schulden machen.
Fragen Sie Herrn Böhmer,
warum er diesen Weg nicht gehen will, sondern lieber bei der Kinderbetreuung
spart.
Dazu einige Beispiele:
Gesamtvolumen der verschenkten
Einnahmen pro Jahr für
alle
öffentlichen Haushalte
1.Vermögenssteuer: (1997)
4,5 Mrd. €
2. Körperschaftssteuer
der
Kapitalgesellschaften
(1999)
rund
20 Mrd. €
3. Absenkung des Spitzensteuer-
satzes
von 53 % - 42 % (1999 – 2004) |
Anteil der dem
Land Sachsen-Anhalt pro Jahr verloren geht (z.B. durch geringere Bundeszuweisungen
und Länderfinanzausgleich)
40 – 60 Mio. €
200 – 250 Mio. €
80 - 100 Mio. € |
Allein diese wenigen Beispiele
von Steuergeschenken, die die Landesregierung mitträgt, machen ein
Minus von 320 – 410 Mio. € im Landeshaushalt aus. Dieses Geld fehlt
dann bei der Kinderbetreuung, im Jugend- und Bildungsbereich und bei den
Hochschulen - also für die Zukunftssicherung.
Wer heute für die Zukunft
sorgen will, kann sich solche Steuergeschenke nicht leisten. Deshalb fordern
wir die Landesregierung auf, nicht zu jammern, sondern sich für eine
Einnahmeverbesserung im Bundesrat stark zu machen.
4. Natürlich
wissen auch wir, dass diese Einnahmen nicht schon im nächsten Jahr
zu Verfügung stehen, deshalb wollen wir trotz miserabler Haushaltslage
Finanzquellen im Landeshaushalt 2004 für die Kinderbetreuung erschließen.
Dabei gibt es nichts, was ohne Probleme umgeschichtet wird – aber Kinderbetreuung
ist Zukunftsgestaltung und was bitte ist wichtiger?
a) Verringerung
von Sachkostenansätzen (HGr. 5 ohne Zinsen)
Im Landeshaushalt um 1 %
= 3,5 Mio. €.
Erst kürzlich hat der
Landesrechnungshof erhebliche Beispiele für
Verschwendung aufgezeigt.
Allein im Bereich der Kfz-Werkstätten und der Kleiderkammern
der Landespolizei wären demnach 4,4 Mio. € zu sparen. Außerdem
geht die Landesregierung von einem drastischen Personalabbau aus und weniger
Personal bedeutet weniger Sachkosten.
b) Die Personalkosten (HGr.
4) im Landeshaushalt steigen um 145 Mio. € im Vergleich zum Vorjahr.
Grund dafür ist nach Angabe der Landesregierung die Auszahlung der
Arbeitszeitkonten der Lehrer. Demgegenüber stehen aber eine Reihe
von Ausgabereduzierungen. Unterm Strich wäre nur ein Aufwuchs von
127 Mio. € nötig, wenn man unterstellt, dass sich die Kosten
für Tariferhöhungen und die Kosteneinsparungen durch Personalabbau
gegenseitig ausgleichen, wie es in den letzten Jahren fast der Fall gewesen
ist. Eingestellt aber sind 18 Mio. € mehr als unbedingt nötig.
Selbst bei vorsichtiger Kalkulation kann hier also um 12 Mio. € gekürzt
werden (0,35 % des Gesamtansatzes Personalkosten).
c) Der
Landesrechnungshof hat massiv die Verträge des Landes mit Geschäftsführern
und leitenden Angestellten von Landesgesellschaften kritisiert. Eine Überarbeitung
dieser Verträge kann mindestens eine Summe von 1. Mio. € erbringen.
Die Überarbeitung der
Einstufungen im Bereich des Innenministeriums würde eine Finanzreserve
von 0,5 Mio. € erschließen.
d) Das
neugegründete Landesinformationszentrum ist ein neugebildeter Landesbetrieb,
für den gegenüber der Vorgängerinstitution, dem Landesrechenzentrum,
höhere Einnahmen von knapp 900.000 € veranschlagt werden. Diese
Einnahmen sind jedoch Zahlungen anderer Landesbehörden für genau
die Leistungen, die vorher das Landesrechenzentrum erbracht hat. Die Umwandlung
der Rechtsform in einen Landeshaushaltsbetrieb darf jedoch nicht mehr kosten,
sondern muss Ersparnisse bringen. Ein Einsparvolumen von 1 Mio. €
scheint realistisch.
e) Die
Mittel für die Sanierung der Abwasserzweckverbände sind in diesem
Jahr bis Ende August nur in Höhe von 4,1 Mio. € geflossen. Gebunden
sind bisher 9,1 Mio. €. Für das Haushaltsjahr 2005 sind noch
20,7 Mio. € geplant. Da die Mittelausreichung in diesem Bereich ohnehin
degressiv gestaltet werden soll, kann hier eine Ansatzabsenkung um 25 %
- also um 5 Mio. € erfolgen.
f) Die
Landesregierung hat trotz des von ihr erklärten Personalüberbesatzes,
der sich laut Landesrechnungshofbericht besonders in den Ministerien widerspiegelt,
noch immer einen Ansatz von 45,9 Mio. € für Dienstleistungen
Außenstehender (HGr. 533 z.B. Gutachten) für das Jahr 2005 geplant.
Für diesen Bereich hat der jetzige Ministerpräsident Herr Böhmer
in der Haushaltsdebatte zum Haushalt 2002 die Halbierung dieses Ansatzes
auf 31 Mio. € gefordert. Die PDS schließt sich nunmehr diesem
Vorschlag an. Kostenersparnis 15. Mio. €.
g) Die
Landesregierung hat alle Kosten für die Titelgruppe 99 (Kommunikationstechnik)
im Haushalt zusammengefasst. Veranschlagt sind hier 40,5 Mio. €. Die
PDS schlägt eine Reduzierung um 5 Mio. € vor.
Zusammenfassung der Refinanzierung:
a) Verringerung Sachkosten
3,5 Mio. €
b) Personalkosten
12,0 Mio. €
c) Überarbeitung Geschäftsführerverträge
1,0 Mio. €
Einstufung
Innenministerium
0,5 Mio. €
d) Landesinformationszentrum
1,0 Mio. €
e) Abwasserhilfe
5,0 Mio. €
f) Dienstleistungen
Außenstehender
15,0 Mio. €
g) Titelgruppe 99
5,0 Mio. €
___________
Gesamt
43,0 Mio. €
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