Kommunaltour der PDS-Landtagsfraktion:
Leere Kassen in den Kommunen,
Chaos in der Kinderbetreuung etc. etc. etc.
Vom 23. April bis zum 9.
Mai 2003 führte die PDS-Landtagsfraktion ihre diesjährige Frühjahrstour
in Kreise und Kommunen des Landes. BürgerInnen, BürgermeisterInnen,
Landräte – sie alle bestätigten, wovor die PDS in den Beratungen
zum Haushalt 2003, in der Diskussion um das Kinderförderungsgesetz
immer wieder gewarnt und Alternativen vorgelegt hatte: Das Ende der Fahnenstange
ist erreicht, kommunale Daseinsvorsorge und kommunale Selbstverwaltung
geraten immer mehr zur Farce, wenn es nicht zu einer radikalen Umkehr kommt,
die aus der derzeitigen Talsohle herausführt.
Die derzeitige Finanzsituation
in den Kommunen ist alarmierend. Von den Gemeinden
unter 500 EW befinden sich
23 % in der Haushaltskonsolidierung,
mit 5.000 bis 20.0000 EW
haben 63 % keinen ausgeglichenen Haushalt, befinden sich 34 % in der Haushaltskonsolidierung,
mit mehr als 20.000 EW haben
77 % keinen ausgeglichenen Haushalt, befinden sich 64 % in der Haushaltskonsolidierung.
Die Absenkung der Verbundquoten
im Finanzausgleichsgesetz auf einheitlich 23 Prozent führt zu erheblichen
Finanzausfällen. In der Stadt Aschersleben führt dies zu einer
Halbierung der Ein-kommenssteuer auf 1 Mio. € und einer Absenkung
der allgemeinen Zuweisung um 1,5 Mio. € auf 8,1 Mio. €. Damit
können Landes- und Bundesfördermittel nicht mehr kofinanziert
werden. Eine Erhöhung der Kassenkredite, wie es das Zweite Investitionserleichterungsgesetz
vorsieht, führt mittelfristig zu wachsender Verschuldung. Bereits
jetzt trifft die Kommunalaufsicht die Entscheidung, welche Investition
durchgeführt werden kann. Damit stehen viele Kommunen faktisch unter
Zwangsverwaltung, Entscheidungsbefugnisse sind ihnen genommen.
Verschärft wird die
Finanznot durch die Erhöhungen der Anteilsfinanzierung der Kommunen
für Landesfördermittel, so bei Jugendpauschale (50 %) oder beim
Jugendfeststellenprogramm ( 25 %). Hinzu kommen erhebliche Probleme im
Bereich der geförderten Arbeit, die Laufzeiten für ABM und SAM
werden bei einer Kofinanzierung von 25 % in der Regel auf ein halbes Jahr
be-grenzt. Da geförderte Arbeitsmarktpolitik zu den freiwilligen Aufgaben
der Kommunen zählt, diese unter dem Konsolidierungsdruck liegen, führen
die veränderten Bedingungen zu einer erheblichen Ausdünnung der
sozialen, kulturellen, sportlichen und jugendpolitischen Betreuungsangebote.
Beispiel: Der Verein Kinderland e.V. beantragte 13 Maßnahmen zur
Kinderbetreuung, nur 3 Maßnahme wurden bestätigt. Konsequenz:
Durch den Wegbruch eines großen Teils des Zweiten Arbeitsmarktes
verschlechtern sich die Anteile der Kommunen an der Einkommens-, Lohn-
und Umsatzsteuer, erhöhen sich die Aufwendungen für Sozialhilfeleistungen.
Und es geht weiter: Nur
ein geringer Anteil der Gewerbesteuer verbleibt bei Kommunen. Selbst bei
Kommunen, die noch eine hohe Gewerbesteuer verbuchen können, verbleibt
nach den anteiligen Abzügen an den Bund und das Land (Gewerbesteuerumlage
28 %) nur noch ein Bruchteil der Ein-nahmen (Egeln von 3 Mio. € nur
rd. 290 T€).
Das vom Land aufgelegte KomInvest-Programm
ist für die Masse der Kommunen eine arge Enttäuschung, da die
Beantragung über die Landkreise zu erfolgen hat, von denen jedoch
keine Auskünfte zur Beantragung getätigt werden – faktisch bestimmt
der Landkreis, welche Investition getätigt werden soll und welche
nicht. Da 75 Mio. € aus der GA-Förderung bereitgestellt werden,
unterliegen diese Investitionen auch diesen Förderbedingungen.
Drastisch sind bei Umsetzung
des Kinderförderungsgesetzes die Auswirkungen für Kinder und
Eltern. In einigen Einrichtungen sind 70% (z.B. Magdeburg) bis zu 85 %
der Kinder von der Halbtagsregelung betroffen. Eine konzeptionelle Arbeit
wird in diesen Einrichtungen ad absurdum geführt. Schließungen
von Einrichtungen werden unabwendbar sein. Das Wunsch- und Wahlrecht der
Eltern wird durch Kommunen eingeschränkt: Das Geld geht nicht mit
dem Kind, es bleibt in der Kommune. Freie Träger nehmen bevorzugt
Kinder auf, die einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung haben, um ihre Kosten
zu decken. Kinder und Eltern werden durch Nachweis über Erwerbstätigkeit
diskriminiert: Das ist der Weg in die gläserne Gesellschaft.
Entgegen der Behauptung
von Ministers Kley, das KiFöG würde keine Steigerungen der Elternbeiträge
begründen, sieht die Realität landesweit vollkommen anders aus:
Die Beiträge steigen überall.
Nicht besser ergeht es dem
Personal. Um Kündigungen abzuwenden, kommt es in einigen Kommunen
zum Teil zu dramatischen Absenkungen der Arbeitszeiten von ErzieherInnen
(mancherorts auf 24 Stunden wöchentlich) mit mittel- und langfristigen
Folgen - soziale Ausgrenzung, finanzielle Unsicherheit, sinkende Rentenansprüche.
Resümee: Politik will die Frauen wieder an die Kochtöpfe bringen.
Teilweise werden Änderungskündigungen vereinbart, ErzieherInnen
werden als SozialassistentInnen eingestellt.
Die gesetzliche Verankerung
des Bildungsauftrages bleibt eine leere Hülse. Besuche in Kindertageseinrichtungen
bestätigen: Die Erfüllung des Bildungsauftrages ist infolge der
Separierung von Kindern aufgrund des eingeschränkten Rechtsanspruchs
mit unterschiedlichsten Betreuungszeiten und der geringeren Zahl von ErzieherInnen
nicht umsetzbar!
FAZIT:
Die Kommunen werden auf einen
Weg von der kommunalen Selbstverwaltung hin zur staatlichen Vollzugsbehörde
gezwungen. Eine Umkehr ist zwingend erforderlich, wenn kommunale Daseinsvorsorge
noch einen Sinn behalten soll. Darin sieht die PDS eine zentrale Frage
für den Landeshaushalt 2004.
Das Volksbegehren gegen
das gültige Kinderförderungsgesetz ist notwendiger denn je. Die
PDS wird das mit aller Kraft unterstützen, um allen Kindern – unabhängig
von der Erwerbstätigkeit ihrer Eltern – gleichberechtigten Zugang
zu einer qualitativ hochwertigen Kinderbetreuung und vorschulischen Bildung
zu ermöglichen.
Dr. Petra Sitte
Fraktionsvorsitzende
Eva v. Angern
kinder- und jugendpol. Sprecherin
Gerald Grünert
kommunalpol. Sprecher
Magdeburg, 21. Mai 2003
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